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Als würde man ein Tintoretto-Gemälde betreten: Wer durch Venedig gondelt, bewegt sich durch das Gesamtkunstwerk der Serenissima. Eine Reise zu Alten Meistern, neuen Glaszauberern und Aussenposten der Lagune.

Von der mittlerweile in Privatbesitz befindlichen Insel Santa Maria della Grazia aus kann man sie überblicken: die schönste Skyline der Renaissance, mal vom berüchtigten Nebel verschluckt und in Schwaden gehüllt, dann so tief glänzend wie altes Gold. Es sind typische Bilder für Venedig. Denn irgendwie überlagert sich hier Geschichte zu aufgeweichten Schichten von morbider Schönheit, trotz ewig sinkender Böden, winterlichem Acqua alta und immer neuen Schwierigkeiten – aber auch Chancen. Jetzt sind die Kreuzfahrtschiffe verschwunden und im rauchigen Licht der Winterstunden auch die Belagerung durch das Heer der Tagesgäste. 

Tintorettos Deal

Das mag prosaisch klingen. Aber eine Stadt wie Venedig verführt seit jeher zu extradickem Auftrag. Dazu reicht es bereits, am Bahnhof Santa Lucia ins Vaporetto zu steigen, um gleich darauf die lückenlos prächtigen Fassaden des Canale Grande vorüberhuschen zu sehen. Mal bröckeln die unverputzten Ziegelwände schweigend vor sich hin, mal schaffen Marmorverkleidungen immer neue Bögen, Umrahmungen, Portale. Kaum eine Stadt, die mit einem ähnlich lückenlosen Ensemble an Renaissanceschätzen und Palazzi aufwarten kann. Und man muss auch kein Stammleser oder ‑seher von Donna Leon sein, um schnell herauszufinden: Die ikonischen Bilder der Stadt, der ziegelrote Zeigefinger des berühmten Campanile, der prächtige Rauten-Look des Dogen-Palasts, der ewige Schattenriss von San Giorgio Maggiores Kuppel sind bestenfalls Orientierungspunkte, zwischen denen sich atemberaubende Kunstschätze verbergen. Und zwar auch jenseits der Pflichtstopps im Palazzo Ducale oder in der Galleria dell’ Accademia, wo die Altmeister Tizian, Bellini, Canaletto oder Veronese die umliegenden Kanäle im Rahmen Hunderter Gemälde leuchten lassen. Denn zwischen diesen berühmten Adressen liegen auch Orte wie die Scuola Grande di San Rocco im verwinkelten Sestiere San Polo, einst eine Art Zunft der reichen Textilhändler. Der gebürtige Venezianer Tintoretto diente hier einen wahren Grossauftrag ab – zumal die Textil-Gilde das Verrechnen nach Laufmeter gewohnt war. Ein Vierteljahrhundert dauerte es schliesslich, bis Tintoretto die bestellten 60 grossformatigen Gemälde geliefert hatte, deren pralle Heiligen-Szenen die riesigen Säle nun fast tapezieren. Das hinter Rialto gelegene Viertel hat noch weitere Schätze auf Lager. In der gotischen Franziskanerkirche I Frari, die offiziell Santa Maria Gloriosa dei Frari heisst, sind gleich zwei Hauptwerke Tizians zu bewundern – so dynamisch und farbstark komponiert, wie es sich für den Pop-Star der Spätrenaissance gehört.

Bühne für Bilder

Der Tintoretto-Deal der Textilhändler ist kein Zufall. Venedig ist mit dem Handel gross geworden, holte den halben Orient an die obere Adria – byzantinische Silhouetten inklusive. Irgendwie geht das bis heute weiter. 2500 historische Palazzi wechselten allein in den letzten Jahrzehnten den Besitz, und selbst die ausrangierten Eichenpfähle, Venedigs von den Gezeiten und Teredini-Mollusken dekorativ angenagte Briccole, werden von Mailänder Designerlabels wie Riva 1920 zu stylishen Tischen und Sideboards verwandelt. Altes Erbe, neue Moden. Das gilt auch für den Umbau des einstigen deutschen Kontors Fondaco dei Tedeschi durch den Stararchitekten Rem Kolhaas, der Venedig wenige Meter neben der Rialto-Brücke zum ersten Edel-Kaufhaus verhalf. Venedig macht in Bildern, in medialen und in anderen, aber stets mit hoher Symbolkraft klar, dass auch der Kunsthandel dabei nicht zu kurz kommt. Die abwechselnd der Architektur und der zeitgenössischen Kunst gewidmete Biennale – 2020 leider verschoben – verwandelt längst auch Schiffswerften, Palazzi und Kirchen in ein einzigartiges Patchwork moderner Kunst. Aber zwischen solchen Kulissen für die Rituale von Verniss- bis Finissagen existieren ganz andere Netzwerke: das Venedig der Kunsthandwerker, Fischer, Gondelbauer.

Transparenz mit Ai Wei Wei

Besuch im Berengo Studio 1989, einer rauen Edeladresse auf der Nachbarinsel Murano. Signora Donatella Castellani führt verschwitzte Gäste in die Gluthölle der Glasbläser. Halbfertige Prinzessinnen und gläserne Riesenbaisers liegen auf groben Werkbänken herum. Irgendwann verschmelzen sie zu fertigen Figuren berühmter Künstler. Herr Ai Wei Wei aus China war kürzlich zu Gast, um seine Entwürfe zu diskutieren. Das Resultat war ein filigranes, weisses Palazzo-Saal-hohes Gehänge, aus dem Ai Wei Weis Sightseeing-Stinkefinger wie filigrane Tentakel vorstehen – Eigenzitate eines bedrohten Künstlerlebens. Die spanische Star-Designerin Patricia Urquiola, die üblichen dynamischen Sturmfrisuren Tony Craggs, nun in Glas, Man Ray, Christian Ludwig Attersee – die Liste der Partner ist gleichermassen bunt wie lang. Orte wie das Berengo Studio beweisen: Auch Murano ist mit der Zeit gegangen. Die in Glas erstarrten Schleierschwänze und die gläsernen Tintenfische gibt es weiterhin. Sie gehören seit über 1000 Jahren zum amphibischen Naturell der Lagunenstadt, so wie die stillen Werften der Gondelbauer, die man hinter der Galleria dell’ Accademia entdecken kann. Oder wie die typischen Bácari in Stockfisch-Püree und die kurze Bigoli-Pasta in Anchovis-Sauce, die angeboten werden. Moscardini, die Babytintenfische, kringeln sich neben Polenta auf kleinen Tellerchen. Schliesslich ist Venedig auch ein kulinarischer Sonderbotschafter Italiens, siedelt dabei knietief im flachen Lagunenwasser. Das verrät der Blick auf die Cichetti-Häppchen, die in den kleinen Weinstuben serviert werden, deren Name an Bacchus erinnert und die seit Jahrhunderten die Stellung halten – so legendäre Dating-Adressen wie die von Casanova frequentierte Cantina Do Mori gar seit 1462.

Museums-Pflicht

Palazzo Ducale – palazzoducale​.visitmuve​.it
Galleria dell’ Accademia – gallerieaccademia​.it
Collezione Peggy Guggenheim – guggenheim​-venice​.it

Museums-Kür

Palazzo Mocenigo a San Stae – mocenigo​.visitmuve​.it
Ca’ Rezzonico – carezzonico​.visitmuve​.it
Museo Storico Navale – marina​.difesa​.it