Weltweit erheben Metropolen Anspruch auf den Titel der Mural-Hauptstadt. moments präsentiert die eindrucksvollsten Wandgemälde an Orten, die man nicht unbedingt erwartet.
Eine Konzertgeigerin umarmt einen Strassenmusiker mit Mundharmonika: ein Bild, das Einklang und Eintracht ausstrahlt – und das gleich auf einer 20 Meter hohen Hauswand. Das kann garantiert niemand im Zentrum der niederländischen Stadt Eindhoven übersehen. Und das ist auch gut, immerhin handelt es sich bei «Echoes of Harmony» um das «beste Mural 2024», nominiert von Kuratoren der Plattform «Street Art Cities» und gewählt vom Publikum. Die Künstler heissen Niels van Swaemen und Kaspar van Leek, sie sind das «Studio Giftig» und pimpen schon seit 2007 die Strassen mit ihrer photorealistischen Wandmalerei, denn genau das bedeutet Mural. Was diese Kunstrichtung von Graffitis unterscheidet? Da wäre einmal ihre schiere Grösse, denn Murals klotzen, statt zu kleckern; manchmal sind es gar Konterfei-Kolosse, die auf einen herabblicken. Was uns zum zweiten Aspekt führt: Sie sind nicht illegal, sondern werden meistens beauftragt – etwa von Stadtverwaltungen oder Immobilienentwicklern. Es liegt auch irgendwie auf der Hand: Wer ein 20-Meter-Gemälde auf eine Hauswand pinselt oder sprayt, wird das nur schwer unentdeckt hinkriegen. Der Vorteil der Grossspurigkeit: Murals wirken auf den ersten Blick, denn sie emotionalisieren ab Sekunde Eins.
Graffiti oder Mural – worin liegt der Unterschied?
Kein Wunder also, dass sie gerne auch eine echte Message transportieren, wie auch Kaspar van Leek betont: «Für uns sollte Kunst im öffentlichen Raum relevante Themen adressieren, den Dialog fördern.» Van Leek spricht von einer Verbindung zwischen Mural und Umgebung: der Nachbarschaft, den Passanten, der Welt. Ganz im Gegensatz zu achtlosen Schmierereien (die Rede ist hier explizit nicht von Graffitis) erhöhen hochwertige Murals den Wert von Gebäuden. Studio Giftig setzt auf den photorealistischen Stil. Die Herren entwickeln ein Konzept, inszenieren ein Fotoshooting mit «everyday people», verzichten also auf Models. Diese Fotos bilden die Vorlage für ein digitales Design, das für die jeweilige Grösse, die Oberfläche und den Kontext, in dem das Projekt stattfindet, adaptiert wird. Van Leek resümiert: «Die Qualität und Diversität von Street Art ist in den letzten zehn Jahren signifikant gestiegen.»
Zwischen Neugierde wecken und Bedeutung transportieren
Inspiration gibt es reichlich. In Houston (USA) entstanden Wandbilder, die die 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung interpretieren. In Singapur helfen Food-Murals Menschen, die mit Demenz kämpfen, ihren Weg nach Hause zu finden. In Kairo vereinte der Künstler eL Seed eine ganze – ärmliche – Nachbarschaft, indem er die Aussenbereiche aller Wohnungen zu einem Gesamtkunstwerk verschmolz. Anlässlich der Olympischen Spiele 2024 in Paris wurde das Saint-Denis-Viertel in bunte Bilder getunkt; wie selbstverständlich fanden sich auch Sportler mit Behinderung unter den Porträtierten. Ein Muss ist das Ganze aber nicht – auch nicht für van Leek. Murals können auch ohne tiefere Bedeutung «Neugierde wecken und Menschen zusammenbringen». Was gut funktioniert – und immer häufiger zu sehen ist: eine technische Komponente als Add-on. Konkret: QR-Codes.
Der Niederländer bringt den Vergleich mit einem Museumsguide aufs Tableau. Making-of-Videos, Interviews – die Pixelquadrate machen’s möglich. Auch Augmented Reality und 3D-Brillen können Sinn machen, sollten aber nie die Hauptakteure sein.
Von Lissabon über Belgien bis nach Wuppertal
Wer die Crème de la Cool sehen möchte, denkt zuerst an London, L.A. oder Paris – eh klar. Mehrere Metropolen sehen sich selbst als Hauptstadt der Murals; auch Melbourne z.B. beansprucht den inoffiziellen Titel. Van Leek voted für Grenoble, empfiehlt insbesondere das Street Art Fest. Er wirbt aber auch für Lissabon (Portugal), Maaseik (Belgien), Morlaix (Frankreich), Wuppertal und Belfast (Irland). Weitere Inspiration liefert das aktualisierte Buch ». Im Vorwort referiert Autorin Alessandra Mattanza über ihre Wonder-Walls – Spoiler: Österreich ist nicht dabei. Stattdessen erwartbare Destinationen in Wynwood (Miami) oder Williamsburg (New York City), aber auch Überraschendes wie die Seitengassen der isländischen Hauptstadt Reykjavik oder die John-Lennon-Mauer in Prag. Die Italienerin weiss, was Street Art so faszinierend macht: «… die Aura des Mystischen, die zufällige Entdeckung auf der Strasse, an einer Hauswand oder in einem U‑Bahn-Tunnel.» Deshalb verliere sie sich gern in den Strassen, etwa in Venice Beach oder Downtown Los Angeles. Und die Mural-Moral der Geschichte? Bitte nachmachen!
Noch mehr Street Art, die begeistert
Plattform:
streetartcities.com
Ein stetig wachsender Überblick über internationale Street Art – inklusive Karten, Künstlerinfos und Werken weltweit.
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