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Was wir von Reiseschriftsteller Tony Wheeler über das Reisen lernen können

Travel · Juli 2026

J

Josef Frauner

Juli 2026

Ein Gespräch über Neugierde, Verantwortung und Langsamkeit

Wie kaum ein anderer hat Tony Wheeler als Mitgründer von Lonely Planet das unabhängige Reisen geprägt. Ein Talk über Neugierde, Verantwortung, Langsamkeit – und darüber, warum gutes Reisen immer auch Bildung ist.

Tony Wheeler, geboren 1946 in England, gründete Anfang der 1970er-Jahre gemeinsam mit seiner Frau Maureen den Verlag Lonely Planet. Aus einem selbst verlegten Buch über eine Reise durch Asien entstand der weltweit einflussreichste Reiseführer­Verlag. Die «Lonely Planets» prägten Generationen von Reisenden und veränderten die Art, wie die Welt bereist und wahrgenommen wird. Heute ist Wheeler nicht mehr im operativen Geschäft tätig, reist aber weiterhin leidenschaftlich. Wir treffen ihn in Melbourne an – tiefenentspannt und mit einem Glas Weisswein in der Hand.

Tony Wheeler am Gipfel des Kilimanjaro © Tony Wheeler
Tony Wheeler in Alaska © Tony Wheeler
Tony Wheeler in Australien © Tony Wheeler

Tony, Sie sind 79 – werden Sie des Reisens nicht langsam müde?

Nein, überhaupt nicht! Wenn ich auf ein Jahr zurückblicke, stelle ich fast immer fest, dass es ein sehr gutes Reisejahr war. Besonders freue ich mich über Orte, an denen ich noch nie zuvor war – es fühlt sich an, als würde man einem Land innerlich einen Haken hinzufügen.

Wo waren Sie zuletzt?

In Algerien. Ich wollte schon seit Jahren dorthin, doch lange galt das Land als unsicher; ein Bild, das sich bis heute hält. Ich war einige Wochen lang dort und mir wurde immer wieder gesagt, wie sehr sich die Situation in den letzten zehn Jahren verbessert hat. Ich war wirklich begeistert.

Worüber im Besonderen?

Algier ist eine faszinierende Stadt. Nachdem Haussmann Paris umgestaltet hatte, arbeitete er auch in Algier, weshalb es dort eindrucksvolle französische Architektur gibt. Dazu kommen hervorragende römische Ruinen – mit die besten im Mittelmeerraum – und im Süden, in der Sahara, aussergewöhnliche prähistorische Felsmalereien. Das Land bietet eine enorme Vielfalt.

Tony Wheeler in Algerien © Tony Wheeler

Gibt es eine Art von Glück, die Sie nur auf Reisen finden?

Vielleicht eher eine Form von Klarheit. Reisen relativiert vieles. Man erkennt, dass die eigene Sicht auf die Welt nur eine von vielen ist. Dieses Gefühl begleitet mich seit meinen ersten Reisen. Für mich ist Reisen eine Form von Bildung, die nicht theoretisch, sondern erfahrungsbasiert ist. 

Viele Menschen führen Listen mit bereisten Ländern. Tun Sie das auch?

Ich versuche, nicht in Häkchen zu denken, aber natürlich weiss ich, wo ich noch nicht war. In diesem Jahr war ich neben Algerien etwa zum ersten Mal in Jamaika, auf Mauritius, den Seychellen und Réunion – wobei Réunion streng genommen kein eigenes Land ist. Entscheidend ist aber natürlich etwas anderes als die Anzahl der Länder, die man bereist: Es ist die Intensität der Begegnung. Ein Ort erschliesst sich selten beim ersten Besuch vollständig.

Tony Wheeler auf Mauritius (links) und vor dem Bob Marley Museum in Jamaika (rechts) © Tony Wheeler

Reisen Sie noch mit Reiseführern?

Ja, unbedingt! Meist digital, manchmal gedruckt. Ein guter Reiseführer ersetzt keine eigenen Erfahrungen, sondern gibt Kontext. Geschichte, Einordnung, Hintergrund – all das findet man nicht immer zuverlässig online.

Sind Reiseführer heute noch zeitgemäss?

Es gab eine Phase, in der sie an Qualität verloren hatten, weil man annahm, alles liesse sich online nachschlagen. Die Rückmeldungen der Leser zeigten jedoch, dass fundierte Informationen fehlten. Reiseführer sind heute anders, aber weiterhin wertvoll: Sie bieten kuratiertes Wissen, unabhängig von Technik und Akkulaufzeit.

Wann wurde Ihnen klar, dass Ihre Bücher mehr als praktische Hilfsmittel waren?

Sehr früh. Schon in den ersten Jahren, nachdem wir unseren Verlag gegründet hatten, meldeten sich Leser, die sich ernsthaft verstanden fühlten. Es entstand eine Gemeinschaft von Menschen, die ähnlich reisen wollten: offen, neugierig, respektvoll. Damit entstand natürlich auch Verantwortung. 

Tony Wheeler in Afghanistan © Tony Wheeler

Gab es Orte, die durch Ihre Bücher stark beeinflusst wurden?

Ja, besonders Vietnam und China. Als Vietnam sich öffnete, nutzten fast alle denselben Reiseführer. Empfahlen wir ein Restaurant, war es sofort überlaufen. Uns wurde bewusst, wie gross unser Einfluss war, und wir begannen, bewusster und zurückhaltender zu empfehlen. China war vermutlich besonders schwierig. Der erste China-Reiseführer erschien 1984. Reisen war kompliziert, Genehmigungen waren unübersichtlich, vieles lief informell. Gerade deshalb war Orientierung dort besonders wichtig.

Hat sich Reisen für Sie verändert, als es auch Arbeit wurde?

Ja, aber im positiven Sinne. Selbst schwierige Orte waren interessant, weil man sie genau beobachten und dokumentieren musste. Viele unserer Autoren sagen bis heute, es sei der beste Job ihres Lebens gewesen.

Welches Buch war die grösste Herausforderung?

Die Sowjetunion. Kaum war das Buch fertig, existierte das Land nicht mehr. In China dagegen erschien eine neue Ausgabe kurz vor dem SARS-Ausbruch, und der Tourismus brach vollständig ein.

Tony Wheeler auf dem Macau Tower © Tony Wheeler

Welche Rolle spielt Langsamkeit beim Reisen?

Eine entscheidende! Zu Fuss oder mit dem Velo erlebt man Orte anders. Langsames Reisen schafft Nähe – zu Landschaften, aber auch zu Menschen. In einer beschleunigten Welt ist das fast ein Gegenentwurf.

Übertourismus ist heute ein grosses Thema. Welche Orte bereiten Ihnen Sorgen?

Venedig, Barcelona, Amsterdam – und überraschenderweise Albanien. Innerhalb weniger Jahre ist das Land vom Geheimtipp zur überlaufenen Destination geworden. Am besten, man reist nicht nur an die Küste. Das Landesinnere bietet viel, und man sollte sich dafür Zeit nehmen. 

Tony Wheeler im Yemen © Tony Wheeler, Simon Calder

Welchen Rat geben Sie heute jungen Reisenden?

Wenn möglich, reisen Sie früh! Ein längerer Aufenthalt unterwegs vermittelt mehr Verständnis für die Welt als viele Jahre formaler Bildung. Reisen lehrt Selbstständigkeit, Empathie und Gelassenheit.

Welche Art des Reisens wünschen Sie sich für die Zukunft?

Reisen, das nicht nur konsumiert, sondern versteht. Lesen und Reisen gehören für mich zusammen. Wer sich vorbereitet und reflektiert, reist nicht nur weiter, sondern tiefer.

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