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Art & Culture

Warum Brüssel jetzt auf die Kunstkarte gehört

Art & Culture · August 2026

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Brigitte Cocyan

August 2026

Brussels Art Week 2026

Noch fliegt die Brussels Art Week im deutschsprachigen Raum erstaunlich weit unter dem Radar. Dabei hat sich Brüssel längst zu einer der interessantesten Adressen für zeitgenössische Kunst in Europa entwickelt. Vom 10. bis 13. September 2026 macht RendezVous – Brussels Art Week diese Kunstlandschaft sichtbar. moments sprach mit den Gründerinnen Laure Decock und Evelyn Simons darüber, warum das vermeintliche Chaos Brüssels ein Vorteil sein kann, weshalb sie Hierarchien vermeiden – und warum Kunst am Ende vom persönlichen Austausch lebt.

Brüssel hat sich seine Position auf der europäischen Kunstlandkarte leise erarbeitet. Galerien, Institutionen, Künstlerkollektive und experimentelle Projekträume liegen oft nur wenige Strassen voneinander entfernt. Genau dieses kulturelle Ökosystem macht RendezVous – Brussels Art Week sichtbar. 2024 von Laure Decock und Evelyn Simons gegründet, geht das Format in diesem Jahr mit mehr als 90 Venues in seine zweite grosse Runde.

Laure Decock (l.) und Evelyn Simons (r.), Gründerinnen der Brussels Art Week © Sander Houthuys

Laure Decock und Evelyn Simons im Gespräch

Sie bezeichnen die Brussels Art Week als eine Art Startschuss nach der Sommerpause. Warum ist gerade dieser gemeinsame Moment im September für die Stadt so wichtig?

Laure Decock & Evelyn Simons: Brüssel ist im Sommer zwar sehr schön, aber auch ziemlich ruhig. Vor allem im August legt die Kulturszene ihre jährliche Pause ein. Der September entwickelt deshalb eine besondere Dynamik: Alle kommen zurück in die Stadt, erholt, voller Energie und bereit für die neue Saison. Anders als bei Kunstmessen findet unsere Veranstaltung direkt in der Stadt statt. Den Begriff «RendezVous» nehmen wir dabei durchaus wörtlich. Über vier Tage organisieren wir an mehr als 90 Orten Ausstellungen, Performances und Begegnungen. Für die Menschen aus Brüssel ist das eine Einladung, die eigene Stadt neu zu entdecken, für internationale Besucher eine Gelegenheit, einen konzentrierten Eindruck von der Kunstszene zu bekommen. Auch zwei internationale Fixpunkte – RendezVous im September und Art Brussels im April – stärken das kulturelle Netzwerk.

In Brüssel existieren international renommierte Galerien neben jungen und experimentellen Projekträumen. Wie bringt man diese sehr unterschiedlichen Welten auf Augenhöhe zusammen?

Horizontalität ist für uns entscheidend. Wir möchten nicht zwischen etabliert und aufstrebend unterscheiden, genauso wenig zwischen jungen Talenten und bekannten Namen. Es gibt bei uns kein «Off-Programm», und alle unsere eigenen Veranstaltungen sind frei zugänglich. Das Interessante an Brüssel ist gerade, dass sehr unterschiedliche Kunsträume innerhalb eines kleinen Radius nebeneinander existieren und sich gegenseitig beeinflussen. Deshalb nennen wir alle Teilnehmer einfach «Venues» – egal, ob Galerie, Institution oder von Künstlern betriebener Raum.

Liza Sivakova, The Anatomy Lesson, Öl auf Leinwand, 180 x 230 cm, 2025 © Galerie Eric Mouchet
Liza Sivakova, Elephant in the room II, Öl auf Leinwand, 130 x 162 cm, 2026 © Galerie Eric Mouchet
Almine Rech — Hans Op de Beeck, Cécile, 2026, life-sized sculpture, mixed media. Seascape, 2022, polyester. © Hans Op de Beeck. Courtesy of the Artist and Almine Rech
Ars Belga | Matthu — Boghossian — Filipe Berndt. © Courtesy of the artist and the gallery

Der zentrale Treffpunkt in Forest setzt stark auf zirkuläres Design und Interdisziplinarität. Welche Funktion übernimmt dieser Hub innerhalb einer über die ganze Stadt verteilten Art Week?

Der Salon de RendezVous soll ein Ort für ein diskursives Programm in einem aussergewöhnlichen Umfeld sein. Jedes Jahr laden wir dafür eine Künstlerin, einen Künstler oder ein Kollektiv ein. Dieses Jahr bringt Espace Aygo sein phantasmagorisches Universum in die ehemaligen Räume der Galerie C L E A R I N G. Das Kollektiv arbeitet überwiegend mit geretteten, gefundenen, gespendeten und recycelten Materialien und entwickelt daraus eigenwillige Objekte und Räume. Die Installation dient zugleich als Szenografie für eine Pop-up-Buchhandlung, einen Infodesk, eine Bar und unser Programm «Salon Encounters». Gemeinsam mit den Venues entwickeln wir Talks, Listening Sessions, Performances und andere Formate – ohne Hierarchie zwischen bekannten Namen und neuen Positionen.

Sie betonen, dass Künstlerinnen und Künstler in Brüssel noch immer nachhaltig leben und arbeiten können. Was macht die Stadt widerstandsfähiger als Berlin, Paris oder London?

Unsere Stadt ist charmant, aber chaotisch. Es kann frustrierend sein, sich an die Dysfunktionalität zu gewöhnen, die unter anderem daraus entsteht, dass auf einem relativ kleinen Gebiet 19 Gemeinden mit eigenen Verwaltungen existieren. Vielleicht ist die Widerstandsfähigkeit sogar ein Nebeneffekt dieser komplexen Strukturen, weil sie manche Entwicklungen verlangsamen. Gleichzeitig haben die Menschen gelernt, Dinge selbst zu organisieren. So entstehen immer wieder Freiräume für Grassroots-Initiativen. Diese Unabhängigkeit darf man allerdings nicht romantisieren. Die öffentliche Kulturförderung steht stark unter Druck, Kunsträume und Clubs mussten schliessen. Eine Stadt braucht auch Orte, an denen Initiativen von unten experimentieren und Menschen Chancen erhalten können, die noch nicht im Kunstbetrieb etabliert sind.

Matsubayashi Hosai XVI, Group of Chawan Geppaku Gold © Courtesy of the Artist & Spazio Nobile
Mendes Wood DM — Marcos Siqueira, Untitled, 2021. © Estudio Em Obra. Courtesy of Mitre Galeria.
Tony Cragg, Must B, 2012, 240×325×110, Bronze. © Bernier-Eliades Gallery. Photo: Michael Richter

Wie gelingt der Spagat zwischen der starken lokalen Verankerung und dem Anspruch, ein internationales Publikum anzusprechen?

Wir möchten sowohl ein breites lokales Publikum als auch internationale Besucher ansprechen. Beispielsweise bieten wir geführte Touren durch die Stadtteile in drei Sprachen an. Sie kosten fünf Euro und werden von Künstlerinnen und Künstlern geleitet. Wer nicht gewohnt ist, Galerien zu besuchen, empfindet hat als Teil einer Gruppe oft weniger Schwellenangst. Für die internationale Kunstszene investieren wir stark in Pressearbeit und laden Journalistinnen, Kuratoren und andere Kunstprofis nach Brüssel ein. Abhängig von ihren Interessen bringen wir sie gezielt mit Ausstellungen und Kunstschaffenden zusammen.

Das Format geht in seine zweite grosse Runde. Welche Erkenntnis aus dem ersten Jahr hat die Planung für 2026 am stärksten beeinflusst?

Wir sind ein wirklich sehr kleines Team. Hinter den Kulissen steckt viel Do-it-yourself-Mentalität, Probleme werden laufend gelöst, und viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen weit über das hinaus, was selbstverständlich wäre. Diese Menschen an erste Stelle zu setzen und eine gute, persönliche Atmosphäre zu schaffen, ist für uns wesentlich. Wir haben aber auch gelernt, dass wir nicht alles umsetzen können. Ein Projekt wie dieses fühlt sich eigentlich nie abgeschlossen an. Es gibt immer neue Möglichkeiten und Menschen, die man einbeziehen könnte. Wir müssen deshalb realistisch wachsen und mit den vorhandenen Ressourcen arbeiten. Der Erfolg von RendezVous hängt von der Begeisterung und dem Vertrauen unserer Teilnehmer ab. Wir alle verbringen einen grossen Teil unserer Zeit vor Bildschirmen. Trotzdem entsteht der eigentliche Impuls dadurch, dass Menschen wirklich auftauchen: dass sie einander besuchen, miteinander sprechen und Zeit in persönliche Beziehungen investieren. Diese gemeinsame Energie wird RendezVous langfristig tragen.

Nous passons tous une grande partie de notre temps devant des écrans. Pourtant, la véritable dynamique naît lorsque les gens sont réellement présents: lorsqu’ils se rendent visite, échangent et prennent le temps de nouer des relations personnelles. C’est cette énergie collective qui fera vivre RendezVous sur le long terme. 

Galerie Nathalie Obadia — Sophie Kuijken, C‑P.M.E., 2026 © Galerie Nathalie Obadia
Olga Tobreluts, Hermes, 2026 © IN-GATE Gallery

RendezVous – Brussels Art Week 2026 findet vom 10. bis 13. September 2026 statt. Die Preview des Salon de RendezVous mit Espace Aygo ist für den 9. September angesetzt, die gemeinsame Gallery Opening Night folgt am 10. September.

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