Von krabbelnden Babys bis zum glänzenden Kafka-Kopf: Kaum ein Künstler hat das Bild Prags so geprägt wie David Černý. Er provoziert, polarisiert und baut inzwischen ganze Häuser, in denen seine Skulpturen eine tragende Rolle spielen. Ein Bericht über Kunst, Stadt und das Spiel mit der Macht der Zeichen.
Seit gut zwei Jahrzehnten zieht es mich regelmässig nach Prag – und genauso lange begleiten mich die Werke von David Černý. Anfangs unbewusst, später mit wachsender Faszination. Die krabbelnden Babys am Fernsehturm in Žižkov waren wohl das Erste, was mir auffiel – absurd und irgendwie berührend. Später fand ich drei von ihnen in Bronze vor dem Museum Kampa wieder.
Auch «Piss» vor dem Kafka-Museum, «Man Hanging Out» hoch über den Dächern und das kopfüber hängende Pferd in der Lucerna-Passage gehören längst zu meinen Wegmarken. Bei jedem Besuch scheint etwas Neues dazuzukommen – ein weiteres Stück Stadt, das plötzlich Černý spricht. Bei meinem letzten Aufenthalt traf ich den Künstler bei einem Bier im Café Mlýnská – am von ihm entworfenen Tresen. Wir führten ein Gespräch über Haltung, Humor und eine Stadt, die er so geprägt hat wie kaum ein anderer. Geboren 1967 in Prag, gilt Černý heute als Enfant terrible und Identifikationsfigur zugleich. Seine Skulpturen – provokant, spielerisch, oft monumental – sind längst Teil der städtischen DNA. Černý arbeitet mit Ironie, um Macht, Fortschritt und Eitelkeit zu spiegeln.
Von Ironie als Strategie
Černý gilt als Anarchist mit präzisem Gespür für Symbolik. Seine Arbeiten polarisieren, weil sie das Alltägliche aus der Balance bringen: Freud hängt am Dachbalken, ein Trabi steht auf Beinen, Babys krabbeln an Beton empor. Er selbst beschreibt sich nicht als politischen Künstler, eher als Beobachter mit Wut im System. Seine Ironie ist keine Pose, sondern Strategie – ein Weg, gesellschaftliche Empfindlichkeiten sichtbar zu machen, ohne zu predigen.
Der Monument Maker – das Musoleum
Mit dem «Musoleum» im Stadtteil Smíchov hat David Černý seinem Werk einen physischen Körper gegeben. Das fünfstöckige Gebäude, Teil der Revitalisierung des ehemaligen Lihovar-Areals, zeigt rund drei Jahrzehnte künstlerischen Aufruhrs – aussen rauer Industriecharme, innen Stahl, Neon, Spott. Černý nennt es «kein Museum, sondern sein Archiv». Und weil ein Statement bei ihm immer auch Lifestyle ist, kann man dieses hier sogar bewohnen: Im obersten Geschoss liegt das «Musoleum Apartment» – entworfen von Černý selbst. Zwischen Ziegelwänden, Kunstzitaten und leuchtenden Akzenten wird die Übernachtung zum Teil der Werkschau: ein Einraum-Experiment zwischen Atelier, Bühne und Rückzugsort. Möbel als Skulpturen, Humor als Material, Prag vor dem Fenster.
Der Builder – Fragment als bewohnbare Skulptur
2023 entstand das «Fragment Building» in Karlín, entworfen mit Qarta Architektura. Hier wird Černýs Kunst buchstäblich tragend: Riesige Metallfiguren halten den Bau, spiegeln sich in der Fassade, deuten Bewegung an. Černý betont, dass das Gebäude zuerst da war – erst daraus entwickelten sich die Skulpturen. Architektur also nicht als Bühne, sondern als Ursprung. Die Formen sind expressiv, die Technik nüchtern: Glas, Beton, Geothermie, Smart Home. Doch wichtiger als das Material ist die Geste – Kunst, die Raum wird, und Raum, der Kunst wird.
Prag als Bühne – Kunst, Stadt, Identität
Prag ist Černýs Leinwand – und manchmal auch sein Gegner. «Die Stadt hasst mich», sagte Černý halb ernst, halb amüsiert. Er wurde sogar beschuldigt, zum Overtourismus beigetragen zu haben – und schmunzelt darüber. Seine Werke sind längst Teil des Stadtgefüges – geliebt, kritisiert, kopiert. Sie zeigen, dass Ironie kein Widerspruch zu Tiefe ist, sondern vielleicht ihre ehrlichste Form. Zwischen Denkmal und Witz, Architektur und Aktion hat Černý eine Sprache gefunden, die Prag versteht – auch wenn sie manchmal lauter ist, als der Stadt lieb sein kann.
davidcerny.cz
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