Smaller is more beautiful: Während Paris, London, Amsterdam oder Mailand unter Overtourism leiden, laden kleinere Städte zu entspannten Besuchen ein. Wie beispielsweise Rotterdam.
Im «Manhattan an der Maas» lassen Art-déco-Gebäude wie das Hotel New York, altmodische Stahlbrücken und kühne Hochhäuser an den grossen Bruder am anderen Atlantikufer denken. Vergleicht man den niederländischen Welthafen mit dem engen, dicht bevölkerten Amsterdam, liegen die Vorzüge auf der Hand: Viel frische Luft und weite Perspektiven statt schmaler Grachten. Echte Märkte statt überteuerter Boutiquen, urbane Freiräume statt Kampf um jeden Quadratzentimeter City-Boden. Das Schlagwort vom Overtourism, der Amsterdam fest im Griff hat, wirkt hier wie von einem anderen Stern – dabei liegen der Airport Schiphol und der Rotterdam Centraal bloss dreissig Minuten entfernt. Kanäle und weite Wasserflächen bescheren den gentrifizierten Lagerhallen-Vierteln der amphibischen Stadt stille Molen für Cafés und Pop-up-Stores inmitten einer postindustriellen Kulisse. Wassertaxis pflügen zwischen Bauten internationaler Architekturstars hin und her. Rotterdam, das im Grossraum 1,2 Millionen Einwohner zählt, versteht sich als Labor der urbanen Gegenwart. Rooftop Gardening und innovative Parkhäuser für Velos verraten, wohin die Reise geht: Richtung Zukunft.
City-Check
Die Lastkräne und historischen Kähne des Maritiem Museums sind ein guter Start und schenken erste Hafen-Atmosphäre. Spaziert man ostwärts ins Ausgehviertel Oude Haven mit seinen Hausbooten, trifft man bald auf die um 45 Grad gekippten Kubushäuser. Nicht weit entfernt liegen zwei weitere Ikonen, die Rotterdams Ruf als Architektur-City festigen: die hufeisenförmige Markthal mit ihrem grellbunten Decken-Stillleben sowie das Depot Boijmans am Museumpark, das erste öffentlich zugängliche Kunstdepot der Welt. Besucher-Slots wie im Amsterdamer Rijksmuseum braucht es dort nicht. Eine andere Oase liegt hinter Rotterdams «Weissem Schwan», der Erasmusbrücke: mit Jahrhundertwendebauten, Reedereivillen und alten Schiffen des Scheepvaartkwartiers am Veerhaven. Katendrecht, von allen De Kaap genannt, zeigt den modernen Rotterdam-Mix aus Hafenflair und Design. Dort steht das jüngste Highlight: das Museum Fenix mit Kunst und Geschichten zu Migration. Eyecatcher ist die begehbare Edelstahlspirale «The Tornado» auf dem Dach – entworfen von MAD Architects.
Weltküche & Shopping
Das im blau-weissen Nautik-Look dekorierte «De Matroos en Het Meisje» hat zwar keine Speisekarte, aber einen kreativen Chefkoch, der auf (fast) jeden Wunsch eingeht und Drei- bis Fünf-Gänge-Menüs anbietet – aus so internationalen Zutaten, wie es sich für einen Welthafen gehört. Weltberühmte Architekten wie Rem Kolhaas und OMA stammen aus Rotterdam und haben dort ihre Spuren hinterlassen. Ähnlich innovativ ist die Designerszene. In den Boutiquen der Stadt finden sich Werke lokaler Kreativer: Keramikvasen in ungewöhnlichen Formen, textilüberzogene Zimmerpflanzen oder minimalistische Accessoires. Typisch Rotterdam sind aber auch die minimalistischen, faltbaren Nylontaschen und Kulturbeutel im Seventies-Look der Taschendesignerin Susan Bijl.