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Nino Schurter ist nicht nur der erfolgreichste Mountainbiker der Geschichte, sondern auch eine prägende Figur, die den Cross-Country-Sport (XCO) über zwei Jahrzehnte hinweg definiert und neu geformt hat.

Schurters Karriere ist ein Mosaik aus beispielloser Dominanz, technischer Innovation und einer Langlebigkeit, die ihn über mehrere Generationen von Konkurrenten triumphieren liess. Sein Vermächtnis ruht auf drei Säulen: Er ist ein unübertroffener Sieger, dessen Palmarès Rekorde für die Ewigkeit aufstellt, ein technischer Pionier, der die Entwicklung von Mountainbikes massgeblich mitgestaltet hat, und eine Ikone der Beständigkeit, die es geschafft hat, an der Spitze zu bleiben, während sich der Sport um ihn herum radikal veränderte. Diese einzigartige Kombination hat ihm den Titel des «Greatest Of All Time» (G.O.A.T.) eingebracht – eine Anerkennung, die ihm selbst sein grösster Rivale, Julien Absalon (FR), zuteilwerden liess. Ein Porträt eines Athleten, dessen Einfluss weit über die Ziellinie hinausreicht und der den Mountainbike-Sport für immer verändert hat.

Der Aufstieg eines Champions – in den Alpen geschmiedet

Die Wurzeln von Nino Schurters aussergewöhnlichem Talent liegen tief in der rauen Landschaft der Schweizer Alpen. Geboren am 13. Mai 1986 in Tersnaus, einem kleinen, rätoromanischsprachigen Bergdorf im Val Lumnezia, Graubünden, war seine Kindheit von der Natur geprägt. Zusammen mit seinen Eltern und zwei älteren Geschwistern verbrachte er unzählige Stunden im Freien, wobei das Mountainbiken schnell zur gemeinsamen Leidenschaft der Familie wurde. Dieses Umfeld war nicht nur idyllisch, sondern auch ein Hochleistungs-Inkubator: Sein Vater war Trainer des Schweizer Downhill-Nationalteams und sein Bruder konzentrierte sich ebenfalls auf die Abfahrtsdisziplin.

Seine ersten Fahrversuche unternahm Schurter auf einem BMX-Rad, da es damals noch keine hochwertigen Kindermountainbikes gab. Mit seinem Bruder jagte er durch das Dorf und baute Sprünge, was unbewusst die Grundlage für seine explosive Kraft und sein überragendes Bike-Gefühl legte. Ursprünglich diente das Mountainbiken als Sommertraining für das Skifahren, doch die Faszination für das Abenteuer auf zwei Rädern übernahm bald die Oberhand.

Diese Herkunft erklärt, warum Schurters technische Überlegenheit kein später erlerntes Merkmal, sondern ein fundamentaler Teil seiner Identität als Sportler ist. Der «lustvolle Fahrstil», den er sich spielerisch auf den anspruchsvollen Trails seiner Heimat aneignete, wurde zu seiner grössten Waffe im Wettkampf. Während andere Athleten ihre technischen Fähigkeiten mühsam in strukturierten Trainingseinheiten erlernen mussten, waren sie bei Schurter von Kindesbeinen an tief verwurzelt. Als sich die modernen XCO-Strecken in den folgenden Jahren zu technisch anspruchsvolleren Kursen entwickelten, veränderte sich der Sport nicht einfach nur – er entwickelte sich in Richtung von Nino Schurters angeborenen Stärken. Dies verschaffte ihm einen entscheidenden Vorteil gegenüber Rivalen, die primär als reine Ausdauersportler galten, und erklärt, warum er aufblühte, als die Strecken härter wurden.

Nino Schurter Portraet 2 Cr Piper Albrecht
Piper Albrecht ©

Die Herrschaft einer Legende – die Ära Absalon

Als Nino Schurter die Elite-Bühne betrat, wurde diese von einem Mann beherrscht: dem Franzosen Julien Absalon. Mit mehreren Weltmeistertiteln und einem Olympiasieg war Absalon der unangefochtene König des Sports. Ihre aufkommende Rivalität wurde zum prägenden Duell des modernen Mountainbikens, ein Kampf, der nicht nur zwei Athleten, sondern zwei Philosophien gegenüberstellte: Absalon, die unermüdliche Ausdauermaschine mit überlegener Physis, gegen Schurter, den explosiven, technisch brillanten Taktiker.

Ihre Duelle sind legendär. Schurters erster Elite-Weltmeistertitel 2009 in Canberra, wo er Absalon schlug, markierte einen Wendepunkt. Unvergessen ist auch ihr Zusammenstoss bei hoher Geschwindigkeit am Mont-Sainte-Anne, ein Moment, der die Intensität ihrer Wettkämpfe verdeutlichte. Ab 2010 beendete Schurter Absalons Dominanzserie und läutete eine neue Ära ein. Trotz der Härte auf der Strecke war ihre Rivalität stets von tiefem Respekt geprägt. Die Dokumentationsreihe «N1NO BEYOND» zeigt eindrucksvoll, wie die beiden ehemaligen Kontrahenten gemeinsam auf ihre Kämpfe zurückblicken und eine respektvolle Freundschaft pflegen. Das grösste Zeichen dieses Respekts ist Absalons Eingeständnis, dass Schurter «der Beste aller Zeiten» sei – eine bemerkenswerte Aussage, wenn man bedenkt, dass Absalon selbst zwei olympische Goldmedaillen besitzt, während Schurter eine gewann.

Die Rivalität der beiden Spitzenathleten war mehr als nur ein persönlicher Zweikampf; sie war der Katalysator für die Evolution des modernen XCO-Rennsports. Absalons physiologische Überlegenheit zwang Schurter, sein technisches und taktisches Spiel bis zur Perfektion zu treiben. Er konnte Absalon nicht einfach am Berg abhängen, also musste er seine Vorteile in den Abfahrten und in technisch anspruchsvollen Passagen ausspielen, um Lücken zu reissen. Dies wiederum zwang die Rennveranstalter, die Strecken anspruchsvoller und technischer zu gestalten, um die Fähigkeiten der Athleten umfassend zu testen. Die Ära der reinen «Watt-pro-Kilogramm»-Kurse neigte sich dem Ende zu. Im Gegenzug musste sich das gesamte Fahrerfeld, einschliesslich Absalon, technisch weiterentwickeln, was sich etwa in der späteren Übernahme von Dropper-Posts durch Absalon zeigte. Ihre Rivalität war somit ein evolutionärer Druck, der die DNA des Sports neu formte und direkt zu den dynamischen, technisch anspruchsvollen Weltcup-Rennen führte, die wir heute kennen.

Die Anatomie der Grösse – Trainingsmethodik und technische Innovation

Schurters Erfolgsgeheimnis liegt nicht nur in seiner physischen Stärke, sondern auch in seiner revolutionären Trainingsmethodik. Im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten, die sich auf klassische Ausdauermethoden konzentrierten, integrierte Schurter gezielte Balance- und Koordinationstrainingseinheiten in seinen Alltag. Diese innovative Herangehensweise ermöglichte es ihm, die komplexen Anforderungen eines Cross-Country-Rennens zu meistern, bei dem explosive Phasen auf technische Passagen folgen. Dies brachte ihn dazu, auch in den Abfahrten besser als seine Konkurrenten zu werden, was in der modernen Mountainbike-Welt von enormer Bedeutung ist.

Zusätzlich zu seinem Training spielte Schurter eine Schlüsselrolle bei der Weiterentwicklung seiner Ausrüstung. Insbesondere bei der Wahl der Laufradgrössen setzte er auf pragmatische, datenbasierte Entscheidungen. Während der allgemeine Trend zu 29-Zoll-Rädern ging, war Schurter ein Befürworter der 27,5‑Zoll-Räder, weil sie die perfekte Balance zwischen Geschwindigkeit und Wendigkeit boten. Erst als Tests für den Olympiakurs in Rio 2016 zeigten, dass 29 Zoll schneller waren, stieg Schurter um und gewann schliesslich mit dieser Grösse seine Goldmedaille. Schurters Zusammenarbeit mit SCOTT-SRAM ermöglichte es ihm, seine Bikes zu einem perfekten Match für seinen Fahrstil zu machen – von der Wahl des Cockpits bis zu den speziellen Reifen.

Nino Schurter Portraet 3 Cr Piper Albrecht
Piper Albrecht ©

Der Olympische Traum – ein Drama in drei Akten

Schurters olympische Reise war stets von Glanzpunkten und Rückschlägen geprägt, wobei der Gewinn der Goldmedaille in Rio 2016 den Höhepunkt seiner Karriere bildete. Doch die Reise dorthin war von vielen schmerzhaften Momenten begleitet. In Peking musste er sich 2008 mit Bronze zufriedengeben, vier Jahre später reichte es in London für Silber, als er im Zielsprint dem Tschechen Jaroslav Kulhavý unterlag. Trotz dieser Niederlage hatte Schurter den Blick stets auf das grosse Ziel – Gold – gerichtet. In Rio wurde der Traum schliesslich zur Realität.

Der lange Weg zum Gold zeigte nicht nur Schurters mentale Stärke, sondern auch seine Fähigkeit, Rückschläge in langfristige Motivation umzuwandeln. Die Niederlage von London 2012 wurde nicht als Frustration, sondern als entscheidender Treibstoff für einen perfekt orchestrierten Vierjahresplan umgedeutet, der in Rio seinen Höhepunkt fand. Er verpflichtete sich 2015 vollständig dem Mountainbiken mit dem klaren Ziel Rio. Dies zeugt von einer seltenen Fähigkeit, Enttäuschungen in langfristige, fokussierte Motivation umzuwandeln und ein einziges Ziel über Jahre hinweg mit unerschütterlicher Disziplin zu verfolgen. Für die Schweiz war Schurters Goldmedaille nicht nur ein sportlicher Triumph, sondern auch ein emotionaler Sieg eines Athleten, der die Alpen und den nationalen Stolz auf das internationale Podest brachte. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris wurde ihm zuletzt die Ehre zuteil, die Schweizer Fahne bei der Eröffnungsfeier zu tragen.

Die neue Garde und der ewige Champion – Nino Schurter im Jahr 2025

In den letzten Jahren hat sich das Gesicht des Mountainbikens verändert. Neue Talente wie Tom Pidcock (UK) und Mathieu van der Poel (NL), die aus anderen Disziplinen kommen, stellen eine neue Herausforderung für Schurter dar. Doch der 38-Jährige bleibt ein schwer fassbarer Gegner. Trotz gesundheitlicher Rückschläge, wie anhaltende Atemwegsprobleme, kämpft er weiter – mit einem klaren Ziel vor Augen: die Teilnahme an der Heim-WM.

Die UCI-Weltmeisterschaften in Crans Montana und der Weltcup in Lenzerheide 2025 sind für den sympathischen Bündner die letzten grossen Rennen seiner Profi-Karriere. Ein Sieg auf heimischem Boden würde das perfekte Ende seiner aktiven Laufbahn bedeuten – ein Traum, den viele Schweizer Fans teilen. 

Nino Schurter hat nicht nur den Cross-Country-Radsport geprägt, sondern auch neue sportliche Massstäbe für kommende Generationen gesetzt. Der Ausnahmeathlet ist eine lebende Legende, deren Einfluss weit über das Mountainbiken hinausreicht.

10 Fragen an Nino Schurter

Du hast in deiner Karriere alle möglichen Rekorde aufgestellt. Was treibt dich an, weiterhin an der Spitze zu bleiben?
Die Leidenschaft für den Mountainbike-Sport. Man ist draussen in der Natur und kann dieses Freiheitsgefühl auf flowigen Trails richtig geniessen. Das motiviert mich Tag für Tag.

Dein Trainingsansatz gilt als einzigartig. Welche Technik oder Methode hat sich für dich als entscheidender Vorteil herausgestellt?
Ein starkes, langjähriges Team um mich herum ist einer der Schlüsselfaktoren meines Erfolgs. Gemeinsam haben wir die richtige Balance zwischen Training, Wettkämpfen, Erholung und Freizeit gefunden.

Zudem habe ich schon früh damit begonnen, als Mountainbiker ganzheitlich zu trainieren – also nicht nur auf dem Velo, sondern auch viel im Kraftraum. Dabei habe ich gezielt an Koordination und Stabilität gearbeitet. Viele andere Athleten haben damit erst deutlich später begonnen.

Die UCI hat den Mountainbike-Sport in den letzten Jahren immer weiter verändert. Welche Entwicklungen empfindest du als besonders prägend – und wie gehst du damit um?
Der Sport hat sich in den letzten 22 Jahren, seit ich international dabei bin, massiv weiterentwickelt. Die wohl grösste Veränderung betrifft die Renndauer. Früher dauerte ein Cross-Country-Rennen gut zwei Stunden – heute sind es nur noch etwa eine Stunde und 20 Minuten. Die Runden sind kürzer geworden, dafür intensiver und technisch anspruchsvoller. In jüngerer Zeit geht der Trend wieder in Richtung weniger technischer Strecken, damit die Rennen spannender bleiben und der Verlauf offener ist. Es ist spannend zu sehen, wie sich der Sport ständig wandelt.

Die nächste Generation mit Stars wie Tom Pidcock oder Mathieu van der Poel wirbelt die Szene ordentlich durcheinander. Was müssen erfahrene Fahrer wie du tun, um konkurrenzfähig zu bleiben?
Junge Athleten bringen viel Spritzigkeit, Explosivität und Endgeschwindigkeit mit. Um mitzuhalten, setzen wir auf gezieltes Krafttraining und Techniktraining – unter anderem in der Sprungschule. Es braucht viel Disziplin und die Bereitschaft, sich immer wieder neu anzupassen.

Was sind deine Ziele für die Zukunft? Welche Meilensteine möchtest du noch erreichen, bevor du deine Karriere beendest?
Die Heim-Weltmeisterschaften in Crans-Montana und der Heim-Weltcup in Lenzerheide sind sicher die Highlights dieser Saison. Ich werde alles geben – und es wäre ein Traum, noch einmal aufs Podest zu fahren. Langfristig möchte ich weiterhin Freude am Velofahren haben und das eine oder andere Gravelrennen bestreiten. Und wer weiss – vielleicht auch dort erfolgreich sein. So oder so bin ich extrem dankbar für alles, was ich in meiner Mountainbike-Karriere erleben durfte. Alles, was jetzt noch kommt, ist Zugabe.

Der WM-Countdown läuft – welche Trainingsvorbereitungen stehen so kurz vor der Abreise nach Crans-Montana noch an?
Da Crans-Montana auf 1500 m ü. M. liegt, ist es wichtig, sich rechtzeitig an die Höhe zu gewöhnen. Ich nutze dafür zunächst ein Höhenzelt, starte dann bei den Weltcup-Rennen in Les Gets (FRA) und trainiere anschliessend in Verbier. Mein Ziel ist es, in Les Gets nochmals starke Resultate zu zeigen – um mit viel Selbstvertrauen an die WM in Crans-Montana zu reisen.

Die WM-Strecke gilt als technisch anspruchsvoll und herausfordernd. Wo liegen die Tücken – und wo siehst du für dich Vorteile?
Letztes Jahr war die Strecke besonders fordernd, da sie schlammig, nass und entsprechend rutschig war. Bei trockenen Bedingungen ist sie technisch weniger heikel. Sie hat viele Höhenmeter – also eine klassische Kletterer-Strecke. Wer gut bergauf fahren kann, hat hier klare Vorteile.

Inwiefern wird das Wetter auf dieser Strecke den Schwierigkeitsgrad beeinflussen – und deine Renntaktik verändern?
Bei Regen verändert sich die Strecke komplett: Der Boden wird tief, viele Passagen sind sehr rutschig, besonders die steinigen Abschnitte. Im Vergleich zum Vorjahr haben die Organisatoren allerdings einige Verbesserungen vorgenommen – etwa grössere und sicherere Sturzräume.

WM im eigenen Land – besondere Motivation oder zusätzlicher Druck?
Kaum zu glauben, aber Crans-Montana wird bereits meine vierte Heim-Weltmeisterschaft. Eine Heim-WM ist für mich immer eine Extraportion Motivation. Die Unterstützung der Fans beflügelt mich – und den Druck versuche ich, in positive Energie umzuwandeln.

Welches Ritual hältst du eine Stunde vor dem Rennstart immer ein – und hast du einen persönlichen Glücksbringer?
Eine Stunde vor dem Start beginne ich mit meinen Routinen: Ich montiere die Startnummer, packe den Rucksack, bereite Trinkflaschen, Gels und Verpflegung vor – und starte dann mit dem Warm-up. Ein spezielles Ritual oder Glücksbringer habe ich nicht – aber eine gute Vorbereitung gehört für mich immer dazu.

Quellenangabe:

  • Interviews mit Nino Schurter, veröffentlicht in «N1NO BEYOND» und «Fitter, Faster, Stronger»
    • UCI- und SCOTT-SRAM-Pressemitteilungen
    • Berichterstattung von den Olympischen Spielen und internationalen Mountainbike-Wettkämpfen

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