Ein symbolträchtigeres Datum für den Start seiner neuen Aufgabe hätte Matthias Schulz kaum wählen können. Am 1. August 2025 hat der gebürtige Bayer seine erste Saison als Intendant des Opernhauses Zürich angetreten.
Wer kennt sie nicht, die Szene im Film «Pretty Woman», als Julia Roberts in der Figur der Vivian Ward das erste Mal in ihrem Leben eine Oper besucht und von der Geschichte einer für sie unbekannten Welt so tief berührt ist, dass sie den Tränen freien Lauf lässt. Die Oper fasziniert seit vier Jahrhunderten, weil sie die grosse Kunst des Gefühls ist. Sie trifft mitten ins Herz und nimmt das Publikum jeweils auf eine mehrstündige Reise mit, die alle Bereiche der Gesellschaft widerspiegelt: Liebe, Treue, Verrat, Vergeltung, Konflikte und ganz viele Emotionen.
«Oper ist von allem ein bisschen zu viel», erzählt der neue Intendant des Opernhauses Zürich, Matthias Schulz, immer wieder. «Sie ist eine Kunstform, bei der alles zusammenkommt: Musik, Text, Architektur, imposante Bühnenbilder, neue Technologien und vieles andere mehr». Der Oper haftet hin und wieder immer noch der Nimbus des Elitären an. Dass sie jedoch schon seit Längerem auch im Mainstream Fuss gefasst hat, beweist der Sieg des österreichischen Stars JJ (Johannes Pietsch) am Eurovision Song Contest 2025 in Basel. Mit dem Song Wasted Love, bestehend aus Opernelementen und Elektro-Beats, überzeugte der Countertenor ein Millionenpublikum und die Jury. Der ausgebildete Opernsänger mit philippinischen Wurzeln liebt Klassik genauso wie Pop und tritt regelmässig an der Wiener Staatsoper auf. Die Faszination für mächtige Stimmen, grosse Gefühle und theatralische Inszenierungen schlagen in der Popmusik immer wieder durch. Wer erinnert sich nicht an das legendäre Crossover Barcelona von Freddie Mercury & Montserrat Caballé. Aber auch Lady Gaga (Alejandro) oder Lana Del Rey (Born to Die) bedienen sich gerne bei der Opulenz der Oper. Das Resultat: Songs, die vor Dramatik und Emotionen strotzen, wie es sonst nur auf der Bühne möglich ist.
«Die Oper hat nicht nur eine vergangene, sondern auch eine aktuelle Kraft. In Zeiten von digitaler Reizüberflutung besteht zunehmend die Sehnsucht nach dem Erlebnis von Authentischem, wie es die Oper sein kann», sagt Matthias Schulz. Dem Motto seines Vorgängers Andreas Homoki Oper für alle folgend, will er das Opernhaus Zürich weiterentwickeln, zu einem offenen und zugänglichen Ort für alle Alters- und Bevölkerungsgruppen machen. Der 44-jährige Intendant gilt in Fachkreisen als die ideale Person, um den Generationenwechsel zu vollziehen. Und der Mann mit bayerischen Wurzeln kennt das Metier bestens. Der ausgebildete Konzertpianist und studierte Volkswirt war vor seinem Antritt in Zürich zehn Jahre lang an der Berliner Staatsoper Unter den Linden tätig. Zuvor hatte er Engagements in verschiedensten Bereichen bei den Salzburger Festspielen inne.
Opernfest «24h Opernhaus»
Für eine Nacht und einen Tag im Opernhaus. Am ersten Wochenende der neuen Saison (19. und 20. September 2025) kann das historische Wahrzeichen Zürichs auf eine ungewöhnliche Weise entdeckt werden. Das Opernhaus öffnet von Freitag, 23 Uhr, bis Samstag, 23 Uhr, die Türen und lädt dazu ein, das Haus von einer völlig neuen Seite kennenzulernen. Der Eintritt ist frei. Ebenfalls sehenswert: Unter dem Namen Oper im Quartier entsteht in Zürich-Oerlikon eine neue Spielstätte, die die Möglichkeit bietet, Musiktheater in kleineren zeitgenössischen Formen zu präsentieren und die junge Generation mit vielen Mitmachangeboten zu überraschen.
Erste Saison des neuen Intendanten
Sagenhafte 17 Premieren, davon dreizehn in der Oper und vier im Ballett. Der Spielplan 2025/2026 verspricht ein lebendiges wie vielfältiges Programm. Von Klassikern über Besonderes bis hin zu Entlegenem. Der Saison-Auftakt macht Der Rosenkavalier von Richard Strauss. Regisseurin Lydia Steier inszeniert die tiefsinnige Gesellschaftskomödie nach einem ästhetischen Konzept des österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein. Weitere Premieren sind u.a. Verdis La Forza del destino mit der einzigartigen Anna gelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel, die Neuproduktionen Die Fledermaus von Johann Strauss sowie Mozarts La clemenza di Tito. Zum Abschluss der Saison steht Wagners Tannhäuser auf dem Programm, inszeniert vom isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnasson.
Informationen unter opernhaus.ch
Alles begann mit der Zauberflöte: Die Geschichte des Opernhauses Zürich
Die Geschichte des Opernhauses Zürich beginnt 1834 mit der Aufführung von Mozarts Zauberflöte im neu eröffneten Actien-Theater, das von theaterbegeisterten Bürgerinnen und Bürgern gegründet wurde. Ein verheerender Brand in der Silvesternacht 1889/1890 zerstörte das Actien-Theater vollkommen. Nach nur 16 Monaten Bauzeit wurde das vom Wiener Architekturbüro Fellner & Helmer neue «Stadttheater» eingeweiht und war gleichzeitig das erste Opernhaus Europas mit elektrischer Beleuchtung. Heute präsentiert sich das Opernhaus Zürich als moderne Bühne, die Altes und Neues verbindet. Klassiker von Verdi oder Wagner stehen gleichberechtigt neben zeitgenössischem Musiktheatern, innovativen Ballettproduktionen und offenen Formaten wie das Opernhaus für alle.
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