Von St. Moritz bis zur Passhöhe – das legendäre Bergrennen am Bernina feiert doppeltes Jubiläum und bietet weit mehr als Motorsport. Eine Hommage an Leidenschaft, Präzision und alpinen Stil.
Der Spätsommer im Engadin trägt Benzin in der Luft. Dort, wo sich Steinwände in den Himmel recken und der Wind durch kühle Hochtäler pfeift, vibriert der Asphalt: Der Bernina Gran Turismo kehrt zurück – nicht als Show, sondern als gelebte Rennkultur. Es ist ein Bergrennen, das keiner Inszenierung bedarf. Vielmehr schreibt es Geschichte fort – mit jeder Kurve, jedem dröhnenden Triebwerk und jedem waghalsigen Manöver zwischen La Rösa und der Passhöhe.
Im Jahr 2025 markiert dieses Ereignis ein bemerkenswertes Doppeljubiläum: zehn Jahre seit der Wiederbelebung des Bernina Gran Turismo und ein Jahrhundert seit der Öffnung der Bündner Pässe für den Automobilverkehr. Zwei historische Linien, die sich kreuzen – auf über 2’300 Metern über Meer.
Rough Luxe: der neue Luxus ist echt
«Keine Show. Kein Pomp. Sondern pure Fahrkultur.» Diese Haltung prägt den Bernina Gran Turismo von Beginn an. Der Begriff «Rough Luxe» beschreibt das Konzept vielleicht am treffendsten: rohe Technik, ehrliche Maschinen, echte Emotionen – eingebettet in die diskrete Grandezza von St. Moritz und die dramatische Natur der Hochalpen.
Hier werden Automobile nicht bewundert, sondern bewegt. Statt polierter Perfektion zählen Geschichte, Charakter und das, was passiert, wenn Mensch und Maschine an ihre Grenzen stossen. Anders als bei klassischen Concours d’Elegance stehen nicht Sammlerbewertungen im Zentrum, sondern das Erlebnis des Fahrens. Der Bernina Gran Turismo versteht sich als Gegenentwurf zur musealen Nostalgie – lebendig, laut und leidenschaftlich.
Rennpuls seit 1929
Seine Wurzeln hat das Rennen in der Internationalen St. Moritzer Automobilwoche von 1929. Damals, nur vier Jahre nach der Aufhebung des kantonalen Fahrverbots, wollte man den Sommertourismus neu beleben – mit Geschwindigkeit. Eine 16,5 Kilometer lange Bergrennstrecke, ein Beschleunigungsrennen auf der «Shell-Strasse», die Crème de la Crème des Motorsports: Hans Stuck siegte 1929 auf einem Austro-Daimler, Louis Chiron folgte 1930 im Bugatti.
Schon nach zwei Jahren wurde das Rennen aus Sicherheitsgründen eingestellt – was seinen Mythos nur verstärkte. Die Bergstrasse war zu wild, zu fordernd. Genau das macht sie heute wieder so begehrenswert.
Das moderne Revival: kein Retro – eine Renaissance
Seit 2014 lebt der Bernina Gran Turismo erneut – nicht als Nachahmung, sondern als zeitgemässe Weiterführung seiner DNA. Initiiert von Enthusiasten wie Kurt Engelhorn und Florian Seidl, entwickelte sich das Event in wenigen Jahren zu einem der renommiertesten Bergrennen für historische Fahrzeuge weltweit. Heute ist es Treffpunkt für automobile Persönlichkeiten, Motorsportästheten und Fahrer, die mit Haltung statt mit Hochglanz auftreten.
Die Strecke: ein Monument aus Asphalt und Granit
Die Route zwischen La Rösa und dem Ospizio Bernina gehört zu den spektakulärsten Europas. Auf 5,4 Kilometern windet sie sich durch 52 Kurven und überwindet dabei rund 450 Höhenmeter. Von 1’871 m auf 2’328 m – in kürzester Zeit. Die technische Herausforderung ist enorm. Die Luft wird dünner, der Grip unberechenbarer. Und das alpine Wetter – bekannt für seine Launen – verlangt den Fahrern höchste Konzentration ab. Nebel, Schnee, Sonne: alles möglich. Immer.
Wer hier siegt, bezwingt nicht nur Gegner, sondern den Berg selbst.
Programm 2025: vier Tage Stil, Substanz und Speed
Die kommende Ausgabe bietet erneut ein durchdacht kuratiertes Programm mit gesellschaftlicher Tiefe und fahrerischer Präzision:
— Donnerstag, 18. September: intimer Auftakt in Poschiavo mit Fahrertreffen und Fotoausstellung.
— Freitag, 19. September: «Technology meets Style» im Kulm Country Club, St. Moritz – Fahrzeugabnahme, Ausstellung, Design trifft Mechanik.
— Samstag, 20. September: erste Wertungsläufe am gesperrten Berninapass – Trainings am Morgen, Rennen am Nachmittag.
— Sonntag, 21. September: Finale und Siegerehrung auf der Piazza von Poschiavo – ein stilvoller Schlusspunkt.
Die Fahrzeuge: mechanische Ikonen – selektiert, nicht gesammelt
Nicht jeder darf hier starten. Ein Komitee wählt rund 80 Teilnehmende sorgfältig aus – nicht nach Marktwert, sondern nach Authentizität. Prämiert wird die Geschichte hinter dem Fahrzeug – und die Persönlichkeit, die es bewegt. Das Feld gleicht einem rollenden Museum: Bugatti Type 35, Ferrari 250 GT «Breadvan», Porsche 911 RS, Lancia Stratos, Lotus Eleven, Maserati A6GCS – um nur einige zu nennen.
Zwei Wertungsklassen bringen unterschiedliche Talente ins Spiel: «Competition» für die Schnellsten, «Regularity» für die Präzisesten.
Zuschauen erlaubt – mit Weitblick
Eines der sympathischsten Merkmale: Der Zugang für Zuschauer ist kostenlos. Wer den Bernina Gran Turismo live erleben will, kann das tun – besonders gut an den Zuschauerzonen entlang der Strecke. Kommerzielle Tribünen gibt es bewusst nicht. Stattdessen: Bergwiesen, Ferngläser und der Duft von Öl in der Nase.
Anreisehinweis: Am Samstag und Sonntag ist die Berninapassstrasse vollständig gesperrt. Empfohlen wird die Anreise mit dem Bernina Express der RhB oder über Shuttles ab Diavolezza und Poschiavo. Früh kommen lohnt sich – und bringt die besten Plätze am Hang.
Mehr als ein Rennen: ein kulturelles Manifest
Der Bernina Gran Turismo ist ein Gegenentwurf zur digitalen Glätte des modernen Motorsports. Hier ist nichts virtuell, nichts gefiltert. Jeder Funke, jeder Fehler, jeder Triumph geschieht real – auf einem Pass, der schon vor 100 Jahren Legenden formte.
2025 verbindet die Veranstaltung Vergangenheit und Gegenwart zu einem stimmigen Ganzen. Sie ist nicht nostalgisch, sondern zeitlos. Nicht elitär, sondern exklusiv. Und sie beweist: Motorsport braucht keinen Lärm, um laut zu sein – nur Leidenschaft, Stil und einen Berg.
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