Gespräche verstummen, Tausende Menschen richten ihren Blick auf die riesige Leinwand. Dann erlöschen die Lichter. Der Leopard gleitet mit seinem unverkennbaren Gebrüll über die Piazza Grande – ein Ritual, das seit Jahrzehnten den Beginn eines jeden Filmabends ankündigt. Augenblicke später beginnt eine neue Geschichte. Vom 5. bis 15. August 2026 wird Locarno erneut zum Treffpunkt der internationalen Filmwelt.
Mit 233 Filmen aus 69 Ländern, darunter 103 Weltpremieren, präsentiert die 79. Ausgabe erneut ein Programm von aussergewöhnlicher Vielfalt. Als Entdecker-Festival schlägt das Locarno Film Festival seit jeher Brücken zwischen renommierten Filmschaffenden, unabhängigen Stimmen und aufstrebenden Talenten – und bringt sie mit einem neugierigen Publikum zusammen.
Premieren unter freiem Himmel
Das Herz des Festivals schlägt auch in diesem Jahr auf der Piazza Grande. Welt‑, Schweizer- und Europapremieren treffen hier auf grosse Namen und Filmklassiker. Auf dem Programm stehen unter anderem der Eröffnungsfilm «Les Yeux Verts» von Fanny Liatard und Jérémy Trouilh, Petra Volpes «Frank & Louis», James Grays «Paper Tiger» mit Adam Driver und Scarlett Johannsson sowie Olivia Wildes «The Invite» mit Penélope Cruz und Edward Norton. Mit Kevin Costners «Dances with Wolves» und Martin Scorseses «Taxi Driver» kehren zudem zwei Meilensteine der Filmgeschichte auf die grosse Leinwand zurück.
Legenden des Kinos zu Gast
Zu den prominentesten Gästen der diesjährigen Ausgabe gehört zweifelsohne Isabella Rossellini. Die italienisch-amerikanische Schauspielerin, Filmemacherin und Stil-Ikone wird mit dem Excellence Award ausgezeichnet und gibt in einem öffentlichen Gespräch Einblicke in ihre aussergewöhnliche Karriere. Seit Jahrzehnten bewegt sie sich souverän zwischen europäischem Autorenkino und internationalen Produktionen – eine künstlerische Offenheit, die das Selbstverständnis des Festivals auf besondere Weise widerspiegelt. Begleitend zu ihrer Ehrung ist auf der Piazza Grande David Lynchs «Wild at Heart» zu sehen, in dem Isabella Rossellini an der Seite von Nicolas Cage und Laura Dern spielt.
Eine andere Facette des Kinos rückt Rick Baker ins Rampenlicht. Der amerikanische Maskenbildner und siebenfache Oscar-Preisträger erhält den Vision Award für sein Lebenswerk. Ob Michael Jacksons Verwandlung im legendären Musikvideo «Thriller», Jim Carrey als «Grinch» oder die revolutionären Effekte in «An American Werewolf in London» – Bakers Masken und Spezialeffekte haben die Fantasie ganzer Generationen geprägt und das Verständnis dessen erweitert, was auf der Leinwand möglich ist. Mit Vorführungen von «An American Werewolf in London» und «The Nutty Professor» würdigt Locarno einen Künstler, der meist im Hintergrund wirkte und das Kino dennoch nachhaltig geprägt hat.
Ein Leopard mit neuer Geschichte
Noch bevor der erste Film über die Leinwand flimmert, setzt das Festival auch visuell ein Zeichen. Das offizielle Plakat stammt in diesem Jahr von der amerikanischen Fotokünstlerin Cindy Sherman, die den ikonischen Leoparden in ihrer unverwechselbaren Bildsprache neu interpretiert. Zwischen Maskerade, Identität und Verwandlung wird das Motiv zu einer Hommage an die Kraft der Bilder – und an das Kino selbst.
Das Kino von morgen
Erstmals erhält in Locarno79 das junge Publikum einen eigenen Wettbewerb. In der neuen Sektion Locarno Kids konkurrieren internationale Spiel- und Familienfilme um den Locarno Kids Award, über den eine Jury aus 11- bis 15-Jährigen entscheidet. Die neue Kategorie unterstreicht den Anspruch des Festivals, nicht nur die Geschichte des Kinos zu feiern, sondern auch dessen Zukunft mitzugestalten.
Zwischen Filmgeschichte und neuen Perspektiven, Weltpremieren mit Klassikern sowie grossen Namen mit mutigen Entdeckungen zeigt das Locarno Film Festival einmal mehr, was es seit fast acht Jahrzehnten auszeichnet. Wenn auf der Piazza Grande die Lichter ausgehen, beginnt nicht einfach eine Filmvorführung. Es beginnt einer jener Sommerabende, die noch lange nach dem Abspann in Erinnerung bleiben.
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