Zwei Künstler, zwei Generationen und eine gemeinsame Frage: Wie lässt sich sichtbar machen, was sich im Inneren eines Menschen abspielt? Das Kunsthaus Zürich stellt die Werke von Maria Lassnig und Edvard Munch erstmals unmittelbar gegenüber – und macht dabei erstaunliche Verbindungen sichtbar.
Es gibt Bilder, die zeigen, was wir sehen. Und es gibt Bilder, die versuchen zu zeigen, was sich eigentlich nicht sehen lässt. Angst. Einsamkeit. Begehren. Schmerz. Das Gefühl des eigenen Körpers. Die Erfahrung, dass dieser Körper altert. Die Nähe eines anderen Menschen, die Geborgenheit bedeuten kann und im nächsten Moment Enge. Vielleicht sogar die ebenso einfache wie schwierige Gewissheit, überhaupt da zu sein. Edvard Munch und Maria Lassnig haben dafür vollkommen unterschiedliche Bildsprachen gefunden. Mehr als ein halbes Jahrhundert trennt den 1863 geborenen Norweger von der 1919 in Kärnten geborenen Österreicherin. Unterschiedliche Generationen, unterschiedliche Lebenswelten, unterschiedliche Voraussetzungen. Und doch wirken ihre Werke in der direkten Gegenüberstellung manchmal wie zwei weit auseinanderliegende Antworten auf dieselbe Frage.
Genau darin liegt die Faszination von «Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss», die ab 2. Oktober im Kunsthaus Zürich zu sehen ist. Erstmals werden Arbeiten der beiden Kunstschaffenden in einer Ausstellung unmittelbar gegenübergestellt. Rund 150 Werke zeichnen Verbindungslinien zwischen zwei Positionen, die kunsthistorisch zunächst weit auseinanderzuliegen scheinen – und sich erstaunlich nahekommen, sobald es um Wahrnehmung, Emotion und das Verhältnis zum eigenen Körper geht.
Was bleibt, wenn das Sichtbare nicht reicht?
Munch interessierte nicht allein, was vor seinen Augen lag. Entscheidend war, was eine Erfahrung im Menschen zurücklässt: Erinnerung, Empfindung, Angst, Begehren, Verlust. Das Sichtbare wird zum Ausgangspunkt für etwas Inneres. Deshalb kann bei Munch die ganze Welt psychisch aufgeladen erscheinen. Ein Himmel ist nicht einfach Himmel. Eine Landschaft nicht bloss Landschaft. Linien beginnen zu schwanken, Räume verlieren ihre Verlässlichkeit, Farben tragen Stimmungen weiter. Der Mensch steht der Welt gegenüber – und gleichzeitig scheint diese Welt längst von seinem Inneren erfasst worden zu sein.
Maria Lassnig geht Jahrzehnte später einen anderen Weg. Sie richtet den Blick radikal auf den eigenen Körper zurück. Nicht darauf, wie dieser Körper von aussen aussieht, sondern darauf, wie er sich von innen anfühlt. Lassnig entwickelte dafür den Begriff des Körperbewusstseins. Entscheidend war, welche Teile ihres Körpers sie tatsächlich empfand: Druck, Spannung, Schwere, Wärme, räumliche Ausdehnung – körperliche Wahrnehmungen, für die es zunächst kein sichtbares Bild gibt. Sie malt nicht einfach einen Körper. Sie versucht, das Empfinden dieses Körpers in Malerei zu übersetzen. Und plötzlich wird verständlich, warum die Gegenüberstellung dieser beiden Künstler so gut funktioniert. Munch malt, wie die Welt sich unter dem Einfluss der Seele verändert. Lassnig malt, wie sich die Welt im eigenen Körper anfühlt.
Farbe als Nervensystem
Eine der stärksten Verbindungen findet sich dort, wo man sie zunächst vielleicht nur formal vermuten würde: in der Farbe. Für beide ist sie weit mehr als ein gestalterisches Mittel. Trauer, Liebe, Einsamkeit, Angst, Freude oder Schmerz werden nicht lediglich dargestellt. Sie gelangen in die Malerei selbst. Farbe ist bei beiden kein dekoratives Mittel. Sie wird zum Nervensystem des Bildes. Bei Munch greift sie auf die Umgebung über. Das Gefühl scheint sich auszubreiten, bis Landschaft, Himmel und Figur demselben inneren Zustand gehorchen. In seinen Bildern kann die Aussenwelt zur Seelenlandschaft werden. Bei Lassnig bleibt die Farbe näher am Körper. Ihre Figuren können grün, rosa, blau, fleischfarben oder beinahe körperlos erscheinen. Nicht weil sie einen Menschen naturgetreu wiedergeben möchte, sondern weil sie versucht, Empfindung sichtbar zu machen. Was wird gespürt? Was bleibt unbemerkt? Wo beginnt der Körper, wo scheint er sich aufzulösen? Das Ergebnis ist bei beiden irritierend. Und manchmal unangenehm nah.
Allein mit sich selbst
Einsamkeit gehört zu den grossen Themen Munchs. Seine Menschen können nebeneinanderstehen und dennoch unerreichbar voneinander getrennt sein. Selbst Liebe und Begehren garantieren keine Nähe. In Werken wie Der Kuss oder Vampir ist die Grenze zwischen Hingabe und Verlust, Verschmelzung und Bedrohung erstaunlich schmal.
Lassnigs Einsamkeit ist eine andere. Bei ihr gibt es letztlich einen Ort, den kein Mensch mit einem anderen teilen kann: den eigenen Körper. Man kann berührt, betrachtet, begehrt werden – die Empfindung dieses Körpers aber bleibt radikal subjektiv. Das macht ihre Selbstporträts so stark. Lassnig verweigert sich der Vorstellung, den weiblichen Körper so darzustellen, wie er von aussen gesehen werden möchte. Entscheidend ist, wie er von innen wahrgenommen wird. Damit verändert sich auch die Frage nach Schönheit. Schönheit ist nicht mehr das Ziel. Vielleicht ist sie nicht einmal eine relevante Kategorie.
Die Zumutung der Nähe
Besonders spannend wird die Gegenüberstellung dort, wo es um Beziehungen geht. Bei Munch ist die Nähe zwischen Menschen häufig von einer eigentümlichen Ambivalenz geprägt. Sie verspricht Geborgenheit und trägt gleichzeitig die Möglichkeit des Verlustes in sich. Liebe, Sexualität, Eifersucht und Angst lassen sich kaum sauber voneinander trennen. Bei Lassnig wird diese Spannung körperlicher und zugleich kämpferischer. Ihre Figuren können sich behaupten, abgrenzen, konfrontieren. Der weibliche Körper ist kein passives Gegenüber eines Betrachters. Er besitzt eine eigene Wahrnehmung und damit eine eigene Autorität.
Beide beschäftigen sich mit Nähe, aber aus unterschiedlichen Richtungen. Bei Munch steht die Frage im Raum, was ein anderer Mensch mit unserem Inneren macht. Lassnig führt den Blick zurück auf das eigene Ich: Was geschieht mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers, wenn er zum Gegenstand des Blicks eines anderen wird? Vielleicht liegt gerade hier eine der spannendsten Verschiebungen zwischen den Generationen.
Krankheit, Alter und Vergänglichkeit
Auch die Erfahrung von Krankheit und Tod zieht sich durch Munchs Biografie und Werk. Seine Mutter starb, als er fünf Jahre alt war, seine Schwester Sophie wenige Jahre später. Verlust und Todesangst kehren in seinen Bildern immer wieder zurück. Das kranke Kind gehört zu den persönlichsten und zugleich universellsten Auseinandersetzungen mit dieser Erfahrung. Bei Lassnig verschiebt sich die Perspektive erneut. Vor allem in ihren späten Arbeiten wird das Altern des eigenen Körpers unübersehbar. Doch sie begegnet ihm nicht nur mit Verletzlichkeit. Da ist Widerstand, Ironie und bisweilen eine fast grimmige Komik. Das ist entscheidend. Denn Lassnigs Werk wäre missverstanden, würde man es ausschliesslich als Geschichte von Schmerz und körperlicher Begrenzung lesen. Sie kann schonungslos und gleichzeitig sehr komisch sein. Der Körper mag altern, schwächer werden und sich verändern – der Blick auf ihn bleibt hellwach. Munchs existenzielle Erfahrung breitet sich häufig wie eine Atmosphäre über seine Bilder aus. Lassnig scheint ihr mitunter direkt gegenüberzutreten: Also gut. Dann schauen wir uns das jetzt an.
Malfluss = Lebensfluss
Der Titel der Ausstellung stammt von Lassnigs Gemälde Malfluss = Lebensfluss aus dem Jahr 1996. Und vielleicht beschreibt er besser als jede nachträglich konstruierte Klammer, warum diese beiden Künstler gemeinsam betrachtet werden können. Denn bei beiden lassen sich Leben und Malerei nur schwer voneinander trennen. Nicht, weil jedes Bild autobiografisch gelesen werden müsste. Das wäre zu einfach. Sondern weil Malerei für beide zu einer Form der Selbstbefragung wird. Was empfinde ich? Was erinnere ich? Was macht Angst mit meiner Wahrnehmung? Wo endet mein Körper? Was bedeutet Nähe? Was geschieht mit einem Menschen, wenn er verliert, begehrt, altert?
Dabei behauptet die Ausstellung keineswegs, Lassnig und Munch seien einander gleich. Im Gegenteil. Gerade die Unterschiede machen die Gegenüberstellung produktiv. Munch war für Lassnig ein wichtiger Bezugspunkt. Nun funktioniert der Blick auch in die andere Richtung: Wer Lassnigs radikale Beschäftigung mit Körperwahrnehmung kennt, kann anschliessend auch Munch anders betrachten. Und genau das ist die eigentliche Qualität dieser Ausstellung.
Wir kennen Munch. Zumindest glauben wir es. Der Schrei gehört längst zum kollektiven Bildgedächtnis. Auch Maria Lassnig zählt heute zu den bedeutendsten Positionen der österreichischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Doch Bekanntheit kann den Blick manchmal ebenso verstellen wie Unkenntnis. In Zürich begegnen wir beiden noch einmal neu. Nicht nur dem Maler der Angst und der Malerin des Körperbewusstseins. Nicht zwei kunsthistorischen Positionen, die ordentlich nebeneinandergestellt werden. Sondern zwei Künstlern, die zu unterschiedlichen Zeiten versucht haben, etwas nahezu Unmögliches zu tun: sichtbar zu machen, was nur im Inneren eines Menschen existiert.
Vielleicht berühren ihre Bilder deshalb bis heute so unmittelbar. Zwischen Munchs Seelenlandschaften und Lassnigs Körperempfindungen liegt mehr als ein halbes Jahrhundert Kunstgeschichte – aber erstaunlich wenig Abstand zu uns selbst.
Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss
Kunsthaus Zürich
2. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027