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Ab dem Frühsommer startet in der Schweiz eine Saison, die insbesondere Kirschenfans lieben. Denn ob in Zug, im Thurgau, Fricktal oder Baselbiet hängen die dunkelroten, manchmal fast schon violetten Steinfrüchte prall und wunderschön von den teils hundertjährigen Kirschbäumen. So gross die Freude am Selbstpflücken, einige Regeln gibt es hierbei trotzdem zu beachten.

Die ältesten Kirschsteine auf dem Gebiet des heutigen Kantons Zug wurden in einem Weiler bei Cham gefunden und stammen aus den Jahren 170 bis 270 nach Christus. Denn schon die Römer kannten und liebten die Edelkirsche nördlich der Alpen. Das Wort selbst hat sich seither kaum verändert: aus dem lateinischen «cerasus» wurde im Französischen «cerise», im Englischen «cherry» und im Mittelhochdeutschen «kirse» bzw. «kerse», woraus später «Kirsche» wurde. Auf Schweizerdeutsch wird die Steinfrucht bis heute Chriesi genannt und auch als solche genossen. Ob direkt vom Baum, als Wähe oder feine Konfi verarbeitet – dem Chriesi-Genuss sind keine Grenzen gesetzt. Hier darum ein Round-up, wo man in der Schweiz Zugang zu Freilandkirschen findet und sich diese direkt vom Baum in den Mund oder ins Körbchen stecken kann. Am besten zusammen mit dem oder der Liebsten, weil besonders romantisch.

Bei Zuger Kirschen denken die meisten zuerst an die Torte. Das ist nicht falsch, aber es ist ungefähr so, als würde man Madonna auf «Like A Prayer» reduzieren. Der Kirschenanbau im Kanton ist rund 600 Jahre alt und steht seit 2011 auf der UNESCO-Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz. Auf dem Höhepunkt um 1951 zählte der Kanton 44482 Kirschbäume. Danach passierte das, was in der Schweiz öfter passiert: Bauland wurde wichtiger als Hochstamm. Die 2008 gegründete IG Zuger Chriesi hat sich dieses Problems angenommen und zwischen 2008 und 2018 tausend neue Bäume gepflanzt. Das hat die alten Bräuche wie die «Chriesigloggä» quasi aus dem Dornröschenschlaf geholt. Diese befindet sich in der St.-Michaels-Kirche und ist seit 1711 nachweisbar.

Der Brauch dazu geht so: Vor dem Geläut der «Chriesigloggä» war das Pflücken von Kirschen auf der Allmend nämlich strikte verboten. Sogar das Laubzusammenrechen unter den Bäumen war bei Strafe untersagt. Die Stadt setzte eigene «Chriesiwächter» ein, die in den Wochen vor der Reife Tag und Nacht über die Bäume wachten. Wer trotzdem pflückte, riskierte eine Busse oder eine Nacht im Zytturm-Gefängnis. Dann läutete um zwölf die grösste Glocke eine Viertelstunde lang, und der «Chriesisturm» begann: Hunderte Zugerinnen und Zuger rannten mit Leitern, Krätten und «Chriesihögglä» auf die Allmend. Wer seine Leiter zuerst anlehnte, dem gehörten alle Kirschen des Baumes. Speed-Dating, aber für Bäume. So streng ging es bis Ende des 19. Jahrhunderts zu und her.

Ab 2009 inszeniert die IG Zuger Chriesi den Chriesisturm neu – heute ohne Bussen, dafür mit Stafettenrennen für Erwachsene und Kinder mit folgendem Ablauf für dieses Jahr: 22. Juni, 12 Uhr, Geläut der Chriesigloggä, danach das traditionelle Wettrennen durch die Altstadt. Ab 15 Uhr der Markt auf dem Landsgemeindeplatz – einer der ältesten Kirschmärkte Europas, seit 1627 belegt. Bäuerinnen und Bauern aus der Region bieten dort pflückfrische Tafelkirschen an, darunter alte Sorten von Hochstammbäumen, die man sonst nirgendwo findet. Wer sich nicht entscheiden kann, kauft von allem ein bisschen.

Chriesimärt Zug, Landsgemeindeplatz, ab 22. Juni. Mo – Fr 15 – 18 Uhr. Eintritt frei. Selberpflücken im Raum Zug: zugerchriesi​.ch. Aktuelle Ernteinfos via Chriesitelefon +41 41 723 68 00.

Zürcher Oberland: Bäume, älter als die meisten Beziehungen

Auf dem Juckerhof, in Seegräben am Pfäffikersee, gibt es eine «Wildkultur» mit Kirschbäumen, von denen man selbst pflücken darf – eine Tradition, die schon der Vater der heutigen Betreiber pflegte. Manche dieser Bäume haben bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Das ist nicht nur eine Zahl, das ist Geschichte. Ein Kirschbaum kann es auf 100 Jahre und mehr bringen, sein rissiges Holz und die Höhlen im Stamm bieten Lebensraum für Fledermäuse, Spechte, Wildbienen und unzählige Käferarten. Ein einzelner alter Obstbaum kann Lebensraum für bis zu tausend verschiedene Tierarten sein – sprich: ein WG-Modell, das sogar in Zürich funktioniert. Was viele nicht wissen: Für ein einziges Kilo Kirschen müssen Bienen rund 60000 Blüten besuchen. Das ist die Bienen-Version eines Marathons. Auf dem Juckerhof stehen deshalb Brutboxen für Wildbienen direkt neben den Bäumen. Geöffnet ist die Selbstpflückkultur, sobald die Kirschen reif sind – meist Anfang bis Mitte Juni, je nach Witterung. Der Hof ist ausserdem so fotogen, dass jeder Instagram-Feed danach automatisch besser aussieht. Und für Familien gilt: Kinder mitnehmen und sich einen schönen Tag machen. Auch wenn diverse T‑Shirts danach dringend in die Wäsche wandern müssen.

Juckerhof, Dorfstrasse 23, 8607 Seegräben. Aktuelle Selberpflück-Infos: juckerfarm​.ch/​w​i​l​d​k​ultur. Bus ab Bahnhof Pfäffikon ZH.

Thurgau: Ermatingen, Untersee – und ein Weinweg dazu

Der Thurgau ist Kirschenland und Weinland in einem. Auf rund 100 Hektaren Anbaufläche werden Kirschen kultiviert, mit Hauptzentrum in Ermatingen am Untersee. Die meisten Bäume stehen heute als Niederstamm und werden mit Regen- und Hagelnetzen geschützt. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil die Kirschessigfliege «Drosophila suzukii» seit ihrer Einschleppung 2011 ganze Ernten ruinieren kann. Wer Hochstammqualität sucht, findet sie bei Familienbetrieben wie Chriesiland Gremlich in Fruthwilen.

Übrigens: Warum Chriesigenuss nicht gleich mit einer etwas anderen Weindegustation kombinieren? Denn falls gewünscht und Zeit vorhanden: Nach Weinfelden fahren und den Weinweg Ottenberg – neun Kilometer durch Rebberge, Blick ins Thurtal und auf die Alpen – wandern – am besten mit seiner Clique oder der BFF. Gut zu wissen: Vorab einen Degustationsrucksack mit Weinglas, Kräuterchips und dem Code für zwei Weinsafes unterwegs reservieren, für CHF 25. – . Beim ersten Safe hebt eine Hydraulikpumpe die Flasche aus der Kühlung, man schenkt sich ein. Das fühlt sich ein wenig nach einer Q‑Spielerei wie aus einem James-Bond-Film an, ist aber um einiges chilliger. Vier Glasfüllungen sind inbegriffen, weitere kosten CHF 3.– pro Glas. Müller-Thurgau, Pinot Noir, Blauburgunder.

Madame Bluescht (Thurgau Tourismus, aktuelle Reife-Infos): +41 71 531 01 30. chriesiland​.com. Selber pflücken: selberpfluecken​.ch/​r​e​g​i​o​n​e​n​/​k​a​n​t​o​n​-​t​h​urgau. Weinweg Ottenberg: weinweg​-weinfelden​.ch

Fricktal und Baselbiet: das Brennkirschen-Land

Das Fricktal und das Baselbiet sind die unterschätztesten Kirschenregionen der Schweiz. Was ihnen Tradition gibt, ist nicht die Tafelkirsche, sondern die kleine, schwarze Brennkirsche: Lampnästler, Lauber, Schauenburger, Basler Langstieler. Sorten, die niemand mehr züchten würde, weil sie zu klein, zu unförmig oder zu weich für den Supermarkt sind, aber den besten Schweizer Kirsch (fürs Fondue unentbehrlich!) ergeben. Die «Vogue Vintage»-Liste der Kirschenwelt, sozusagen. Die Brennerei Humbel in Stetten betreibt zusammen mit Dettling, Röllin und Heiner ein eigenes Slow-Food-Presidio, das diese Sorten und ihre Hochstammbäume schützt.

Der Fricktaler Chriesiwäg in Gipf-Oberfrick führt zudem als Lehrpfad durch traditionellen Hochstammbestand: fünf oder neun Kilometer, elf Informationstafeln, eine Grillstelle auf halbem Weg. Die ist offiziell zum «kurz Stoppen», inoffiziell zum «sehr lange Sitzen». Wer Stille bevorzugt: Der Flösserweg zwischen Mettau und Hottwil sowie der Eisenweg zwischen Wölflinswil und Herznach haben ebenso schöne Bäume, ohne Menschenmenge.

Im Jurapark Aargau gibt es ausserdem das Angebot «Pflück-Helfer»: Denn wer Produzenten bei der Hochstammernte unterstützt, bekommt einen Teil der Früchte als Entlöhnung geschenkt. Das ist allerdings einfacher gesagt als getan, weil für Tafelkirschen ein Mensch eine ganze Arbeitswoche braucht, um eine Tonne zu pflücken. Eine Tonne. Wer das einmal gemacht hat, kauft Schweizer Kirschen danach mit anderen Augen.

Fricktaler Chriesiwäg ab Gipf-Oberfrick. hochstammboerse​.ch (Pflück-Helfer). aargautourismus​.ch. Baselbiet: humbel​.ch (Brenzer Kirsch, Slow-Food-Presidio).

Pflücken: was man wissen sollte

Die Kirsche reift nicht nach. Was am Baum noch hellrot ist, bleibt es auch zu Hause. Tiefdunkle, glänzende Früchte am Stiel pflücken, nicht reissen – sonst verletzt man das Holz, und der Baum produziert weniger im nächsten Jahr. Ein Kirschbaum hat ausserdem keine Lust, jedes Jahr gleich gut zu tragen: Es gibt Vollertragsjahre und magere Jahre. Wer mehr pflückt, als er essen kann, bringt einen Teil zum Hofbesitzer zurück oder lässt ihn am Baum für die Vögel. Sharing is caring, auch botanisch.

Festes Schuhwerk sowie ein Korb mit Boden sind Musts, ein Plastiksack, in dem die Früchte zerquetscht werden, dagegen ein No-Go. Und Stress beim Chriesi pflücken ebenso – also keine Eile. Auf manchen Höfen darf man während des Pflückens essen, auf anderen wird gewogen. Darum: Besser vorher als nachher fragen, immer.


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