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Art & Culture

In LA eröffnet das weltweit erste Museum für KI-Kunst

Art & Culture · August 2026

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Robert Haidinger

August 2026

Im Urwald von Dataland

Im Herzen der Kulturachse von Downtown L.A. hat Dataland eröffnet, nach eigenen Angaben das weltweit erste Museum für KI-Kunst. Das Refik Anadol Studio unternimmt dort ein faszinierendes Experiment: Mithilfe des Large Nature Model trifft der Geist der Maschine auf das Denken der Natur.

Lianen und Linien, manche von Ameisenkolonien in den weichen Boden gezeichnet. Licht, das durch das vielstöckige Blätterdach des Amazonas sickert. Feuchtigkeit, die Gerüche moduliert, und eine akustische Kulisse, die mittags anders klingt als in der schwülen Nacht. Als Refik Anadol, Superstar der immersiven Medienkunst, nach Aldeia Sagrada und Nova Esperança reiste, um im brasilianischen Amazonasgebiet mit den indigenen Yawanawá zusammenzuarbeiten, schöpfte er aus dem Vollen. «Possible Futures» hiess die Initiative, in deren Rahmen sein Kunstprojekt «Winds of Yawanawá» entstand. KI, indigenes Wissen und die spirituelle Dimension des Regenwaldes verwandelten sich in Data Paintings; Echtzeit-Wetterdaten sowie wechselnde Windrichtungen und ‑stärken flossen in die Videoinstallation ein.

© Refik Anadol Studio

Wenig später ging der gebürtige Istanbuler, der 2014 gemeinsam mit Efsun Erkılıç das Refik Anadol Studio in L.A. gründete, einen Schritt weiter. Das Team entwickelte das Large Nature Model (LNM), einen besonderen Ansatz zum Trainieren künstlicher Intelligenz. Anders als gängige Sprachmodelle, die vor allem mit menschlichen Texten arbeiten, basiert es auf umfangreichen, mit Zustimmung bereitgestellten Datenbeständen aus der Natur. Wie lässt sich das «Denken» von Ökosystemen visualisieren? Das LNM schafft dafür die Grundlage und war unter anderem in der Installation «Living Archive: Nature» beim World Economic Forum in Davos zu sehen.

Refik Anadol (l.) und Efsun Erkılıç (r.) © Dustin Downing

Diese Verbindung von Kunst, Technologie und Forschung prägt auch Dataland, das am 20. Juni 2026 eröffnet wurde. Los Angeles, stets offen für radikale Experimente, scheint dafür das perfekte Biotop zu sein. Die immersive Kunst erhält hier eine prominente Heimat – in unmittelbarer Nähe zu Institutionen wie The Broad, MOCA, The Music Center und REDCAT. Den architektonischen Rahmen schuf der 2025 verstorbene Pritzker-Preisträger Frank Gehry: Dataland befindet sich im von ihm entworfenen Komplex The Grand LA. Fünf Galerien verteilen sich auf rund 2’322 Quadratmeter; die Museumsräume wurden gemeinsam mit Gensler und Arup entwickelt. Auch das bereits gestartete AI Artist Residency Program mit Google Arts & Culture soll kreative Anwendungen künstlicher Intelligenz vertiefen.

© Refik Anadol Studio

Das Large Nature Model beschreibt eine besondere Facette dieser Arbeit, für die riesige Datenmengen zum künstlerischen Rohstoff werden. In «Machine Hallucination» verwandelte das Studio das digitale Bildgedächtnis New Yorks in eine neue Vorstellung der Metropole. Für «Quantum Memories» verschmolzen rund 200 Millionen Bilder der Erde, der Ozeane und der Atmosphäre zu einer alternativen Realität der Natur. Anadol und sein Team malen gewissermassen mit einem «denkenden» Pinsel: Daten werden zum Material, neuronale Netzwerke zum Partner. Ihre ortsspezifischen KI-Datenskulpturen reagieren auf Architektur und Geschichte, machen Wetterdaten, Archive oder andere unsichtbare Informationsströme visuell erfahrbar.

© Refik Anadol Studio

In Dataland erweitert sich dieses Prinzip um Klang, Bewegung, Geruch und die Reaktionen des Publikums. Wearables erfassen anonymisierte Signale wie Herzschlag, Bewegung und Position; gemeinsam mit aktuellen Umweltdaten beeinflussen sie Bilder, Klänge und Atmosphären. Molekulare Duftkompositionen begleiten das Spiel der unvorhersehbaren Formen und Farben. Das Museum versteht sich damit nicht als Ort fertiger Werke, sondern als lebendes System, in dem Kunst fortwährend neu entsteht. Der Trip durch den Amazonas stellt den Wald als das vor, was er auch ist: eine riesige, vernetzte Form von Intelligenz. Licht, Feuchtigkeit und Zeit erzeugen einen steten Strom neuer Materialisierungen. Das bunte Wuchern markiert zugleich den Ausgangspunkt einer Frage, die Anadols Arbeit durchzieht: Was geschieht, wenn Maschinen die Sprache der Natur erlernen? Und lässt sich KI so trainieren, dass sie das digitale Gedächtnis der Erde nicht bloss abruft, sondern vielleicht sogar eine Form von Empathie entwickelt?

© Refik Anadol Studio
© Refik Anadol Studio

Salvator ex machina? Eine Weltrettung, deren Wurzeln mithilfe von KI besser wachsen? Dataland liefert darauf keine einfache Antwort. Was sich vor den Augen der Besucher auftut, tobt, schäumt, wächst und dreidimensional in sich zusammenfällt, wirkt wie eine Weltmaschine – und zugleich wie ein wilder Garten. Mitunter führt dieser auch in eine Vergangenheit, die traurig stimmt. Im Infinity Room erklingt die Aufnahme des letzten männlichen Kauaʻi ʻŌʻō, eines ausgestorbenen Vogels aus Hawaii. Sein unbeantworteter Ruf wird zum akustischen Dokument ökologischen Verlusts. «Machine Dreams: Rainforest» ist dennoch kein reiner Abgesang. Zwischen Daten, Erinnerungen und Halluzinationen zeigt sich auch ein Hauch von Zukunft.

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