Zweimal im Jahr scheint die Sonne durch ein Felsenloch genau auf einen Glarner Kirchturm. Das Martinsloch ist nicht das einzige Naturwunder dieses Landes, aber sicher das mit dem besten Timing. Fünf Phänomene, die man mindestens einmal mit eigenen Augen gesehen haben sollte – kein Eintritt, kein Ticket, nur das richtige Timing.
Die Schweiz übersieht einige ihrer schönsten Naturphänomene mit beeindruckender Konsequenz. Man ist beschäftigt mit dem Matterhorn, dem Rheinfall und dem Jungfraujoch, dabei gibt es Dinge, die nichts kosten, nur an wenigen Tagen im Jahr existieren und nirgendwo sonst auf der Welt zu finden sind. Hier eine kleine Liste als Gegenprogramm zum Mainstream-Tourismus.
Die Glühwürmchen, Verzascatal TI
Von Ende Mai bis Mitte Juni leuchten im Verzascatal Glühwürmchen, und zwar als Paarungsritual: Die Männchen blinken, die Weibchen antworten, weshalb man besser keine Taschenlampe mitnimmt, die das Ganze stört. Es gibt keinen fixen Termin und kein Ticket, die Glühwürmchen entscheiden selbst, wann sie bereit sind. Dafür entsteht eine Stimmung, die fast schon märchenhaft anmutet, ohne dass etwas daran inszeniert wäre.
Ende Mai bis Mitte Juni, nach Einbruch der Dunkelheit. schweizer-wanderwege.ch
Die Michaelskirche, Meiringen BE
Um die Sommersonnenwende, an vier Tagen rund um den 21. Juni, beleuchtet die aufgehende Sonne exakt den Glockenturm der Michaelskirche in Meiringen und wandert anschliessend bis zum romanischen Portal, während die ganze Umgebung noch im Schatten liegt. Ob die Kirche einst bewusst so ausgerichtet wurde oder ob es Zufall ist, hat die Forschung bis heute nicht abschliessend geklärt, was die Sache umso reizvoller macht. Meiringen ist ausserdem der Geburtsort der Meringue, zumindest laut der lokalen Legende, und der Ort, an dem Sherlock Holmes scheinbar starb. Vom Kirchenphänomen wissen die wenigsten, was sich ändern sollte.
Das Martinsloch, Elm GL
Ein dreieckiger Durchbruch in den Tschingelhörnern, rund 22 Meter hoch, 19 Meter breit, auf 2’600 Metern und genau auf der Kantonsgrenze zwischen Glarus und Graubünden. Entstanden ist es durch geologische Verwerfungen auf der Glarner Hauptüberschiebung, die seit 2008 zum UNESCO-Welterbe gehört. Aufzustehen lohnt sich aber nicht für die Geologie, sondern für das, was an wenigen Tagen im Frühjahr und Herbst passiert: An vier Tagen im März und vier Tagen im September scheint die Sonne kurz vor ihrem eigentlichen Aufgang durch das Loch und trifft auf den Turm der spätgotischen Kirche im Dorf Elm, vier Kilometer entfernt. Das Lichtspiel dauert rund zwei Minuten, und bei Dunst bildet sich ein 4,7 Kilometer langer Lichtkegel, der mit etwa 32 Zentimetern pro Sekunde übers Dorf wandert. Ein Schauspiel, für das man wirklich gerne früh aufsteht.
Wichtig zu wissen: Das Martinsloch ist seit dem 3. Oktober 2024 für Berggängerinnen und Berggänger nicht mehr erreichbar. An jenem Morgen löste ein Erdbeben der Stärke 2,2 am Grossen Tschingelhorn schräg über dem Martinsloch einen gewaltigen Felssturz aus, bei dem rund 100’000 Kubikmeter Gestein ins Tal gingen, einer der grössten Bergstürze der letzten Jahre in der Schweiz. Das Loch selbst wurde knapp verschont, die Felssturzmassen flogen beidseitig daran vorbei, weshalb das Sonnenphänomen weiterhin funktioniert. Beobachten muss man es ohnehin vom Dorf Elm aus, was kein Verlust ist, im Gegenteil: Die Kirche steht direkt im Lichtkegel, und der ganze Dorfplatz wird für ein paar Minuten zur Bühne. Schon Immanuel Kant hat das Phänomen in seiner «Physischen Geographie» erwähnt. Elm hat rund 600 Einwohnerinnen und Einwohner und ist der Geburtsort von Vreni Schneider, und auch das gehört zu diesem Ort.
Nächste Termine 2026: voraussichtlich 30. September und 1. Oktober, jeweils um ca. 9.30 Uhr. elm.ch
Die Marmites des Géants, Saint-Ursanne JU
Im Jura, nahe Saint-Ursanne, liegen riesige Gletschertöpfe, die durch schmelzendes Gletscherwasser über Jahrtausende in den Fels geschliffen wurden, rund, glatt und tief. Man sieht sie und versteht sofort, was hier über Jahrtausende gearbeitet hat. Saint-Ursanne selbst ist eine mittelalterliche Kleinstadt am Doubs und allein schon einen Besuch wert, und die Marmites sind dann das Sahnehäubchen.
Das Nebelmeer
Im Herbst und Winter, wenn das Mittelland unter einer geschlossenen Nebeldecke liegt und man von einem Hügel darüber schaut, sieht die Schweiz aus wie ein anderes Land, weiss, still und grenzenlos. Auf der Blechflue zwischen Luzern und Zug bildet sich bei bestimmten Bedingungen eine sogenannte Nebelwelle, eine rollende Bewegung im Nebel, die auf Fotos wie ein Ozean aussieht. Weitere gute Aussichtspunkte sind der Pfannenstiel über dem Zürichsee und der Chaumont über Neuenburg. Kein Eintritt, keine Gondel nötig, festes Schuhwerk und ein Blick aufs Wetterradar genügen.
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