teilen via

Der 1997 geborene Filippo Colombo verfolgt eine Karriere, die sich vor allem in Bezug auf Vielseitigkeit von anderen abhebt. Während die meisten Profis sich auf eine Disziplin konzentrieren, fordert Colombo in gleich zwei der anspruchsvollsten Bereiche des Radsports – dem Mountainbike-Cross-Country und dem Strassenradsport – Spitzenplätze.

Der Weg, den Colombo eingeschlagen hat, ist ebenso ambitioniert wie herausfordernd und zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Resilienz und die Fähigkeit aus, sich ständig weiterzuentwickeln.

Im Süden der Schweiz geschmiedet: Die Wurzeln eines Champions

Colombos Reise begann in einem kleinen Dorf im Tessin namens Bironico, wo er das Licht der Welt erblickte. Der Radsport lag ihm quasi im Blut: Seine Mutter und sein Onkel gaben ihm den ersten Impuls, den sportlichen Weg zu gehen. Doch das Tessin bot damals noch wenig Infrastruktur für spezialisierte Mountainbike-Vereine. So startete Colombo seine Karriere im Velo Club Monte Tamaro, einem Verein, der ihn schon früh prägte und förderte.

Obwohl sein ursprünglicher Fokus auf dem Strassenradsport lag, erlangte er schnell die Vielseitigkeit, die ihn später auszeichnen sollte. Als Kind bestritt er seine ersten Rennen auf der Strasse, die ihm nicht nur technisches Wissen und taktisches Verständnis im Peloton vermittelten, sondern auch eine solide Grundlage für seine spätere Karriere im Mountainbike. Diese Zeit auf dem Strassenrad legte den wichtigen Grundstein für die Erfolge, die noch folgen sollten.

Bereits in der U15-Kategorie fuhr Colombo sowohl Strassen- als auch Mountainbike-Rennen. 2012 entschied er sich, sich vollständig dem Mountainbike zu widmen – eine Entscheidung, die nicht nur aufgrund seiner Vorliebe für diese Disziplin, sondern auch aus pragmatischen Gründen fiel: Der Velo Club Monte Tamaro gründete in diesem Jahr das erste kantonale Mountainbike-Team. Doch der Weg war nicht immer einfach. Das Team musste sich zuerst gegen die etablierten Kräfte der Schweizer Szene behaupten und kehrte mit einer Niederlage nach Hause zurück. Doch dieser Rückschlag führte zu einer Verbesserung des Trainings und im Folgejahr war der erste Sieg im Swiss Cup 2013 der Lohn für die harte Arbeit.

Filippo Colombo Portraet 2 Cr Piper Albrecht
Piper Albrecht ©

Der Durchbruch: Vom Nachwuchsstar zum Profi

Colombos Zielstrebigkeit führte ihn bald an die Spitze der Schweizer Nachwuchsszene. 2014 gewann er den Titel des Schweizer Junioren-Meisters im Mountainbike und wurde ins nationale Team berufen. Ein Jahr später holte er bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Nové Město die Bronzemedaille – ein Erfolg, der ihn zu einem vielversprechenden Nachwuchstalent machte.

2017 gab Colombo sein Profidebüt und trat dem BMC-Team bei. In dieser Zeit konnte er sich weiterentwickeln, und bereits in den ersten Jahren erzielte er herausragende Erfolge, darunter die Silbermedaille bei den Europameisterschaften und im Gesamtweltcup. Doch das Besondere an Colombos Karriere ist nicht nur seine Schnelligkeit auf dem Mountainbike, sondern vor allem sein Ziel, in zwei Disziplinen auf höchstem Niveau zu konkurrieren: dem Mountainbike und dem Strassenradsport.

Für die Saison 2023 unterzeichnete Colombo Verträge sowohl mit dem renommierten Mountainbike-Team SCOTT-SRAM als auch mit dem Strassenradsport-Team Q36.5 Pro Cycling. Diese Entscheidung war ein mutiger Schritt, der in der Radsportwelt grosse Aufmerksamkeit erregte. Colombo wollte nicht nur seine Vielseitigkeit unter Beweis stellen, sondern auch seine Erfahrungen in beiden Disziplinen erweitern, um als Athlet zu wachsen.

Seine Teilnahme an prestigeträchtigen Rennen wie die Strade Bianche und Paris-Roubaix brachte ihm einerseits wertvolle Erkenntnisse und Erfahrungen, die seine Karriere weiter vorantrieben. Andererseits stellte sie ihn vor grosse physische Herausforderungen. Im Frühjahr 2023 erlitt Colombo bei Paris-Roubaix einen dramatischen Sturz, der ihn mit einer schweren Ellbogenverletzung ausbremste.

Ein Rückschlag und das Comeback: Von der Verletzung zur Meisterschaft

Der Sturz bei Paris-Roubaix 2023 war ein schwerer Rückschlag für Colombo. Die Verletzung erforderte zwei Operationen und eine langwierige Rehabilitationsphase von fünf Monaten. Doch anstatt sich entmutigen zu lassen, zeigte er eine bemerkenswerte mentale Stärke. Die lange Auszeit schien den jungen Profi nicht zu bremsen, sondern zu motivieren. Bereits 2024 kehrte er mit beeindruckenden Leistungen zurück: Er sicherte sich den Schweizer Meistertitel im Cross-Country und belegte den dritten Platz im Gesamtweltcup. Sein Comeback ist nicht nur ein Zeugnis seiner physischen Ausdauer, sondern auch ein Beweis für seine unerschütterliche mentale Stärke. Im März 2025 gewann er gemeinsam mit Nino Schurter das berühmte Cape Epic Rennen in Südafrika und im Juli verteidigte er erfolgreich seinen Schweizer Meistertitel.

Ein Blick nach vorne: Die Jagd nach den Regenbogenstreifen

Filippo Colombo hat in seiner Karriere bereits viele Erfolge feiern dürfen, doch sein ultimativer Traum bleibt der Gewinn des Weltmeistertitels im Cross-Country und des begehrten Regenbogenstreifen-Trikots. Der junge Tessiner hat das Potenzial, in der Weltspitze des Mountainbikens dauerhaft Fuss zu fassen. Mit seinen vielseitigen Fähigkeiten, die sowohl die explosive Kraft des Mountainbikes als auch die Ausdauer des Strassenradsports umfassen, gehört er zweifellos zu den talentiertesten Fahrern seiner Generation.

Abseits des Rennzirkus ist der Tessiner ein wichtiger Botschafter für seinen Heimatkanton. Als Partner der Region Lugano stärkt er das Image des Tessins als Outdoor- und Radsportzentrum und hilft, die Südschweiz weltweit zu promoten.

Colombo hat bereits bewiesen, dass er nicht nur über aussergewöhnliches Talent verfügt, sondern auch über den Charakter eines Champions. Der Blick auf seine Zukunft zeigt, dass er ein wichtiger Akteur im internationalen Radsport bleiben wird. Seine Reise ist noch lange nicht zu Ende, und die besten Jahre des Tessiners liegen erst vor ihm.

Filippo Colombo Portraet 4 Cr Piper Albrecht
Piper Albrecht ©
Filippo Colombo bei der WHOOP UCI Mountain Bike World Series 2025, Pal Arinsal, Andorra

10 Fragen an Filippo Colombo

Filippo, du kämpfst sowohl auf der Strasse als auch im Mountainbike-Sport um Spitzenplätze. Wie schaffst du es, beiden Disziplinen gerecht zu werden und gleichzeitig konstant auf höchstem Niveau zu performen?

FC: Früher bin ich sowohl MTB als auch auf der Strasse gefahren. Mit der richtigen Planung lassen sich eigentlich beide Disziplinen gut kombinieren. Momentan ist die MTB-Saison jedoch so lang und dicht getaktet, dass es kaum machbar ist, beide Sportarten parallel zu praktizieren. Das finde ich schade, denn der Radsport ist meine grosse Leidenschaft und ich wäre am liebsten in allen Disziplinen unterwegs.

Deine Saison 2023 war geprägt von grossen Herausforderungen, vor allem durch deine Verletzung bei Paris-Roubaix. Wie hast du es geschafft, nach so einem Rückschlag wieder zurückzukommen und 2024 als Schweizer Meister auf dem Podium zu stehen?

FC: Am Anfang habe ich den Schweregrad der Verletzung gar nicht richtig realisiert, was rückblickend vermutlich sogar ein Vorteil war. Der schwierigste Moment war, als ich erkannte, dass ich fast die komplette Saison 2023 verpassen würde. Eine Zeit lang wusste ich nicht einmal, ob ich überhaupt jemals wieder MTB-Rennen fahren würde. Also habe ich mich auf meine Physiotherapie-Sitzungen konzentriert und den Blick nach vorne erst mal ausgeblendet. Nach über sechs Monaten und einer zweiten Operation konnte ich endlich wieder richtig trainieren. Im Winter 2023/24 war ich motiviert und fest entschlossen, an die Spitze zurückzukehren.

Das Tessin spielt in deiner Karriere eine besondere Rolle. Wie hat deine Heimatregion deine Entwicklung als Athlet beeinflusst und was bedeutet es für dich, als Botschafter des Tessins unterwegs zu sein?

FC: Für mich ist es eine grosse Ehre, das Tessin weltweit vertreten zu dürfen. Es ist meine Heimat, der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Jedes Mal, wenn ich von langen Auslandsreisen zurückkehre, spüre ich sofort dieses vertraute Gefühl von ‹Zuhause›. Ausserdem bietet diese Region alles, was ich für unseren Sport brauche: Berge, Trails ohne Ende und ein Klima, das das ganze Jahr über perfekt ist. Dies alles gibt mir die Energie und Motivation für die harten Trainingseinheiten.

Im UCI-Weltcup hast du dich auf internationaler Ebene etabliert. Welche Ziele hast du dir für die kommenden Jahre gesetzt, und was möchtest du dort erreichen?

FC: Derzeit nehme ich zwar viele gute Platzierungen mit nach Hause, doch die grossen Erfolge fehlen noch. Mein definitives Ziel sind internationale Siege. Dafür muss ich mich ständig weiterentwickeln und verbessern.

Was sind deine langfristigen Ambitionen im Radsport? Gibt es einen bestimmten Moment, den du dir als Höhepunkt deiner Karriere vorstellst?

FC: Der Gewinn eines WM-Titels wäre die Erfüllung eines Lebenstraums.

Der WM-Countdown läuft – welche Trainingsvorbereitungen stehen so kurz vor der Abreise nach Crans-Montana noch an?

FC: Derzeit befinde ich mich in einem dreiwöchigen Höhentrainingslager, um mich optimal auf den Wettkampf vorzubereiten. Die Höhenlage von Crans-Montana wird bei diesem Wettkampf definitiv ein Schlüsselfaktor sein.

Die WM-Strecke gilt als technisch anspruchsvoll und herausfordernd. Wo liegen die Tücken und wo siehst du für dich Vorteile?

FC: Der Kurs ist tatsächlich eine Herausforderung. Am Ende wird jedoch die Tagesform des Athleten den Sieger küren. Ich glaube kaum, dass Taktik eine Rolle spielen wird. 

Inwiefern wird das Wetter auf dieser Strecke in Bezug auf den Schwierigkeitsgrad eine Rolle spielen und einen Einfluss auf deine Renntaktik haben?

FC: Das Wetter kann für einige Athleten alles verändern. Bei Regen und Schlamm ist ein perfektes Setup unerlässlich. Letztlich machen jedoch die Beine den entscheidenden Unterschied.

WM im eigenen Land – besondere Motivation oder zusätzlicher Druck?

FC: Für uns Schweizer Athleten ist es ein ganz besonderes Gefühl. Wir alle gehen sicherlich mit einer Extraportion Motivation an den Start und werden über unsere Grenzen hinausgehen. Ich persönlich spüre keinen grossen Druck und möchte das Event einfach in vollen Zügen geniessen. 

Welches Ritual hältst du eine Stunde vor Rennstart immer ein und hast du einen ganz persönlichen Glücksbringer?

FC: Ich habe keine festen Rituale vor dem Start, ausser, dass ich meinem Bike während des Warm-ups ein paar aufmunternde Worte zuflüstere. Danach geht’s einfach los.


Nichts mehr verpassen – wir halten Sie auf dem Laufenden!

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an.