Ausnahmezustand als Tradition? Die Fasnacht ist weit mehr als ein buntes Spektakel. Sie ist ein Fest zwischen Ritual und Regelbruch.
Einmal im Jahr wird die Welt für ein paar Tage aus den Angeln gehoben. Masken ersetzen Gesichter, Lärm verdrängt die Stille und Gewissheiten geraten ins Wanken. Die Fasnacht ist kein Zufall, sondern ein jahrhundertealter Ausnahmezustand. Geboren aus Ritualen, Aberglauben und dem Wunsch, dem Winter, der Obrigkeit und dem Alltag etwas entgegenzusetzen.
Verankert ist dieser Ausnahmezustand tief im Kalender der Geschichte. Als im Jahr 325 das Konzil von Nizäa den Termin für Ostern festlegte (auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsanfang), entstand ein fester Rhythmus aus Vorfreude, Verzicht und Neubeginn. Von Ostern zurückgerechnet führt dieser Weg über den Palmsonntag bis zum Aschermittwoch, der vierzig Tage vor dem Fest die Fastenzeit einläutet. Genau an dieser Schwelle liegt die Fasnacht. Als letzte Zeit der Umkehr, der Maskierung und des kontrollierten Übermuts, bevor Stille und Ordnung zurückkehren.
Was heute bunt uns ausgelassen erscheint, war einst weit mehr als Unterhaltung. Die Fasnacht war Ventil, Schutzzauber und Spiegel der Gesellschaft. Und sie trägt diese Bedeutung bis heute in sich. Wie unterschiedlich sie sich dabei entwickelt hat, zeigen Beispiele aus Basel, Bellinzona, Evolène und Luzern.
«Die drei scheenschte Dääg» – Basler Fasnacht
Die Basler Fasnacht ist eng mit der Geschichte der Stadt Basel verbunden. Bereits im Mittelalter wurde in der Zeit vor der christlichen Fastenzeit ausgelassen gefeiert. Diese frühen Fasnachtsbräuche verbanden religiöse Rituale mit volkstümlichem Spott, Markierungen und Musik. Eine begrenzte Zeit, in der gesellschaftliche Regeln auf den Kopf gestellt werden durften.
Eine entscheidende Prägung erhielt die Basler Fasnacht im 16. Jahrhundert durch die Reformation. Während in vielen reformierten Städten die Fasnacht verboten wurde, ging Basel einen eigenen Weg. Das Fest blieb bestehen, verschob sich jedoch zeitlich und entwickelte eine unverwechselbare Form. Der Beginn nach Aschermittwoch – bis heute einzigartig – wurde zum sichtbaren Zeichen dieser Eigenständigkeit.
Aus den mittelalterlichen Umzügen entstanden zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert nach und nach feste Elemente: das Piccolo- und Trommelspiel, die Cliquen, die kunstvoll gestalteten Laternen und der scharfe satirische Blick auf Politik und Gesellschaft. Die Anonymität hinter der Maske schuf Raum für Kritik, Humor und Selbstreflexion. Werte, die bis heute den Kern der Fasnacht ausmachen. So ist die Basler Fasnacht nicht nur ein Volksfest, sondern ein historisch gewachsenes Spiegelbild der Stadt: traditionsbewusst, kritisch und unabhängig. 2017 wurde die Basler Fasnacht von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt. Als Ausdruck einer lebendigen Tradition, die Geschichte, Kritik und Gemeinschaft verbindet.
Das Motto der Basler Fasnacht 2026 lautet: «Blyyb verspiilt»
Wann: 23. bis 25. Februar 2026
Programm Basler Fasnacht
Der König vom Tessin – «Carnevale Rabadan» in Bellinzona
Der Rabadan ist die bedeutendste Fasnacht im Tessin und zugleich eine der ältesten organisierten Fasnachtsveranstaltungen in der Schweiz. Seine Anfänge gehen auf das Jahr 1862 zurück, als der Rabadan erstmals offiziell gefeiert wurde. Der Name leitet sich vom lombardischen Begriff «rabadan» ab, der so viel wie Lärm oder Radau bedeutet.
Entstanden ist der Rabadan im städtischen Umfeld von Bellinzona, geprägt von italienischer Festkultur und bürgerlichem Vereinswesen. Von Beginn an war die Fasnacht öffentlich organisiert und entwickelte sich rasch zu einem mehrtätigen Volksfest mit Umzügen, Masken, Musik und satirischen Darbietungen. Ein zentrales Element und der offizielle Beginn des närrischen Treibens ist die symbolische Machtübernahme durch König Rabadan (Re Rabadan). Am Donnerstagabend geht der Stadtschlüssel vom Stadtpräsidenten von Bellinzona an seine Majestät über. Diese Tradition unterstreicht den temporären Rollenwechsel und die Änderung der Spielregeln während der Fasnachtstage.
Heute verbindet der Rabadan historische Wurzeln mit moderner Eventkultur. Guggenmusik, der grosse Umzug am Sonntag und ein starkes Gemeinschaftsgefühl prägen die Festivitäten, die weit über die Region hinausstrahlen und den südlichen, mediterranen Charakter der Tessiner Fasnacht widerspiegeln.
Wann: 12. bis 17. Februar 2026
Programm Rabadan
Strohmänner und Tierwesen – Karneval von Evolène
Der Karneval im Walliser Bergdorf Evolène gehört zu den archaischsten und ursprünglichsten Fasnachtsbräuchen der Schweiz. Seine Wurzeln reichen vermutlich bis in vorchristliche Zeiten zurück und stehen in engem Zusammenhang mit alpinen Fruchtbarkeits- und Winteraustreibungsritualen. Schriftlich belegt ist der Brauch seit dem 19. Jahrhundert, seine Formen gelten jedoch als deutlich älter.
Eigentlich fällt der Startschuss der Feierlichkeiten im 800-Seelen-Dorf im Val d’Hérens jeweils schon am 6. Januar. Mit Kuhglocken ziehen junge Menschen durch die Gemeinde und geben dem Karneval das Startsignal. Richtig wichtig sind jedoch die letzten drei Tage vor der Fastenzeit. Im Zentrum stehen maskierte Gestalten wie die Empaillés (in Stroh gefüllte Figuren) oder die Peluches (mit Fellmasken), die lärmend durch Evolène ziehen. Die massige Erscheinung der Empaillés kommt nicht von ungefähr. Die Strohhüllen bringen bis zu 40 Kilo auf die Waage. Das Auftreten der Verkleideten folgt festen, überlieferten Regeln und lebt von Überraschung, Verfremdung und bewusster Grenzüberschreitung.
Im Gegensatz zu den städtischen Fasnachten stehen in Evolène nicht Satire oder Musik im Vordergrund, sondern das rituelle Handeln selbst. Die Masken verbergen die Identität vollständig und schaffen eine vorübergehende Verschiebung der Ordnung. Ein zentrales Element alter Fasnachts- und Winterbräuche im Alpenraum. Die Fasnacht von Evolène ist stark lokal verankert und bewusst wenig touristisch. Sie gilt als lebendiges Zeugnis einer bäuerlich-alpinen Kultur, in der sich heidnische Ursprünge und christlicher Kalender bis heute überlagern.
Wann: 6. Januar bis 17. Februar 2026
Programm Karneval Evolène
Die fünfte Jahreszeit – Lozärner Fasnacht
Die Luzerner Fasnacht verbindet mittelalterliche Wurzeln mit lebendiger Volkskultur und zählt zu den ältesten und bedeutendsten Fasnachtsbräuchen der Zentralschweiz. Ihre Ursprünge lassen sich bis ins Spätmittelalter zurückverfolgen. Erste Hinweise auf fasnächtliche Feiern in Luzern stammen aus dem 15. Jahrhundert, als Zünfte und Bruderschaften das öffentliche Leben massgeblich beeinflussten.
Im Gegensatz zu Basel blieb Luzern katholisch, wodurch sich die Fasnacht eng an den kirchlichen Kalender band. Sie beginnt traditionell am Schmutzigen Donnerstag mit dem Urknall um 5:00 Uhr und findet am Güdisdienstag im Monstercorso ihren bombastischen Höhepunkt, der gleichzeitig des Ende der Narrentage einläutet. Der Name Schmutzig leitet sich übrigens nicht von Schmutz ab, sondern vom alemannischen «Schmotz» (Fett). Ein Hinweis auf das üppige Feiern vor der Fastenzeit.
Zentral für die Luzerner Fasnacht ist die Figur des Bruder Fritschi, Oberhaupt der ältesten Zunft zu Safran. 1446 wurde sie erstmals urkundlich erwähnt und gilt bis heute als Symbolfigur. Umzüge, Maskenbälle und vor allem die Guggenmusik prägen die Fasnachtsfeierlichkeiten, die sich im 20. Jahrhundert stark weiterentwickelten und zunehmend musikalisch geprägt wurden.
Wann: 12. bis 17. Februar 2026
Programm Luzerner Fasnacht
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