Karim Rashid setzt seit vier Jahrzehnten auf Räume, die Emotion zulassen. Über 4’000 Projekte in mehr als 40 Ländern hat er realisiert, Hotels von Athen bis Cancun, allesamt mit einer klaren Handschrift zwischen organischer Form und leuchtender Farbigkeit – und einer Haltung, die er «sensual minimalism» nennt.
Der 1960 in Kairo geborene, in Kanada aufgewachsene Designer, der heute von New York und Miami aus arbeitet, glaubt an demokratisches Design: an Räume, die zugänglich sind, berühren und Energie freisetzen. Im Gespräch erklärt er, warum Beige im Jahr 2026 kein Zeichen von Eleganz, sondern von Vermeidung ist – und weshalb Hotels wieder mehr Mut zur Emotion brauchen.
Warum ist Farbe jetzt radikaler denn je?
Karim Rashid: Im Jahr 2026 steht beigefarbener Minimalismus oft nicht mehr für Neutralität, sondern für Vermeidung. Vieles in der Hospitality wirkt wie eine «Safe-Space»-Ästhetik, die Stille mit Fürsorge verwechselt. Doch Menschen reisen, um sich lebendiger zu fühlen und neue Erfahrungen zu machen. Emotionales Design ist deshalb wichtiger denn je – unser Alltag ist bereits von Bildschirmen, Stress und Gleichförmigkeit geprägt. Ein Hotel sollte Erneuerung ermöglichen. Farbe ist radikal, weil sie Haltung zeigt. Sie schafft Atmosphäre, aktiviert die Sinne und signalisiert: Hier dürfen Sie etwas empfinden. Wärme ist kein Trend, sondern ein menschliches Bedürfnis.
Was ist «sinnlicher Minimalismus» im Unterschied zum sterilen Luxus-Minimalismus?
Karim Rashid: Sinnlicher Minimalismus ist Reduktion mit Empathie. Steriler Minimalismus folgt oft einem visuellen Regelwerk – glatte Oberflächen, gedämpfte Paletten, emotionale Distanz. Sinnlicher Minimalismus dagegen ist weich, taktil, geschwungen und einladend. Er bleibt klar, aber nicht kühl. Er nutzt Form als Geste und Farbe als Stimmung. Im Luxussegment wird sich zunehmend durchsetzen, dass «Premium» nicht Stille bedeutet, sondern Fürsorge, Komfort und Inspiration. Gewinnen werden Hotels, die als Erlebnis in Erinnerung bleiben – nicht als makelloser Showroom.
«Menschen reisen nicht, um nichts zu fühlen.» – Karim Rashid
Wenn Farbe ein Werkzeug ist – wie setzt man sie konkret ein?
Karim Rashid: Farbe ist emotionale Navigation. Der Eingang formuliert den ersten Satz, er darf Energie haben. Übergangszonen beruhigen, private Bereiche werden intimer. Ich arbeite mit abgestufter Sättigung, kombiniere Farbe mit Lichttemperatur und Materialreflexion – denn Farbe ist immer auch Licht auf Oberfläche. Entscheidend ist das emotionale Ziel. Daraus entsteht eine gemeinsame Sprache aus Farbe, Textur, Form und Silhouette. Farbe kommuniziert unmittelbar – ohne Worte.
Demokratisches Design und Premium – ein Widerspruch?
Karim Rashid: Für mich nicht. Demokratie bedeutet Würde, nicht Billigkeit. Luxus heisst Exzellenz, Langlebigkeit und Sorgfalt für die Sinne. Wenn Premium als Experimentierfeld dient und neue Ideen hervorbringt, die später breiter zugänglich werden, entsteht kein Widerspruch. Wahrer Luxus liegt nicht in seltenen Materialien, sondern in seltenem Denken – in der Qualität der Erfahrung.
Wenn KI alles personalisiert – was bleibt dem Raum?
Karim Rashid: Algorithmen können Vorlieben berechnen, aber keine Bedeutung schaffen. Der Körper reagiert unmittelbar auf Rundungen, Texturen, Lichtstimmungen. Die entscheidende Erfahrung liegt nicht in perfekter Individualisierung, sondern im poetischen Moment – in etwas Unerwartetem, das berührt. Das Hotel der Zukunft ist keine perfekte Vorhersage, sondern eine wohltuende Unterbrechung. Gleichzeitig müssen Funktion und Materialität überzeugen – hier fehlt es oft noch an Substanz.
Nachhaltigkeit wirkt oft zurückhaltend. Wie geht Öko-Luxus farbenfroh?
Karim Rashid: Nachhaltigkeit verlangt keine visuelle Askese. Die Natur ist intensiv und vielschichtig. Entscheidend sind funktionierende Systeme: lokale Materialien, langlebige Konstruktionen, Reparaturfähigkeit, transparente Prozesse. Farbe kann integraler Bestandteil des Materials sein – etwa durch pigmentierte Keramik oder recycelte Textilien – nicht bloss Oberfläche. Wenn das System stimmt, braucht es kein Greenwashing. Die emotionale Palette wird zum sichtbaren Ausdruck von Verantwortung.
Woher kommt nach 40 Jahren die Energie?
Karim Rashid: Aus Neugier. Ich entwerfe aus Optimismus und bewahre mir das Spielerische – es ist der Motor von Originalität. Bereut habe ich nur Projekte, in denen Angst zu viele Kompromisse diktiert hat und das versprochene Gefühl verloren ging. Am Ende geht es darum, Räume zu schaffen, die Menschen guttun – und ihre Erfahrungen intensiver machen.
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