Locarno hat viele Visitenkarten: Filmfestival, Piazza Grande, Seepromenade und, und, und. Doch wer die Stadt im Frühling verstehen will, sollte unbedingt den Kamelienpark besuchen. Dort, zwischen alten Camellia japonica und Züchtungen mit klangvollen Namen wie Elizabeth de Rothschild oder Marie Curie, erzählt Locarno eine andere Geschichte. Eine, die mehr als ein Jahrhundert zurückreicht.
Wenn im Tessin die Kamelien blühen, liegt über Locarno eine stille, beinahe feierliche Stimmung. Für einige Wochen wird der Parco delle Camelie zum Treffpunkt von Züchtern, Botanikern, Fotografen und Flaneuren aus ganz Europa. Auf rund 10’000 Quadratmetern wachsen hier über 1’100 erfasste Kamelienvarietäten, darunter zahlreiche historische Sorten. Der Park wurde 2005 anlässlich des Kongresses der «International Camellia Society» eingeweiht und trägt heute das Label «Garden of Excellence», eine Auszeichnung für besonders bedeutende Pflanzensammlungen. Doch Titel und Zertifikate treten in den Hintergrund, wenn sich der Park in ein spektakuläres Farbspiel aus Weiss, Rosa und Rot verwandelt.
Camelie Locarno – eine Ausstellung mit Vergangenheit
Während fünf Tagen im März wird der Park jeweils zum Schauplatz der Camelie Locarno. Herzstück der Ausstellung ist die Präsentation von rund 250 Sorten geschnittener Kamelien, sorgfältig arrangiert und inszeniert. Jede Blüte liegt für sich und doch entsteht in der Gesamtheit ein Panorama der Formen und Farben. Dass Locarno heute als Kamelienstadt gilt, hat mit seiner Geschichte zu tun. Die Kamelie kam im 18. Jahrhundert nach Europa, ihren Weg an den Lago Maggiore fand sie vermutlich um 1900 über das nahe Verbania. In den Villengärten entlang des Sees entstand eine Gartenkultur, die die Region bis heute prägt. 1923 fand auf der berühmten Piazza Grande das erste Kamelien- und Mimosenfest statt – ein Frühlingsfest, das den Grundstein legte für das, was heute die Camelie Locarno ist.
Königin des Winters
Die Kamelie blüht, wenn andere Pflanzen noch ruhen. Vom späten Winter bis in den Frühling hinein öffnet sie ihre Blüten, als würde sie das Licht langsam wieder in die Gärten zurückholen. Botanisch unterscheidet man fünf Blütentypen – von einfach über halbgefüllt bis hin zu anemonen- und päonienförmig und gefüllt. Und genau diese Vielfalt macht einen grossen Teil ihres Zaubers aus. Keine Blüte gleicht der anderen, und doch wirken sie alle vollkommen, manchmal fast ein wenig künstlich. Möglicherweise sind es aber auch die Namen, die zu dieser Ausstrahlung beitragen: Tiffany, Madame Curie, Elizabeth de Rothschild, My Darling, Metallica oder Show Time. Viele dieser Züchtungen stammen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die Kamelienzucht in Europa und Amerika einen neuen Höhepunkt erreichte. Sie zeigen, dass die Geschichte der Kamelie nicht nur eine lange Vergangenheit hat, sondern bis in die Gegenwart weitergeschrieben wird.
Wenn Blüten zu Musik werden
Was macht aber die Camelie Locarno so besonders? Sicherlich auch die Atmosphäre. Abseits der grossen Touristenströme fühlt sich der Kamelienpark wie ein Ort der Entschleunigung an. Man geht nicht einfach spazieren, man bewegt sich fast andächtig durch ein Blütenlabyrinth und durch mehr als hundert Jahre Gartenkultur. Zwischen den Bäumen öffnet sich immer wieder der Blick auf den Lago Maggiore, als gehöre er zur Inszenierung dazu. Und manchmal, wenn aus dem Pavillon Musik zu hören ist – Maurice Ravels «Bolero» beispielsweise – dann scheint es für einen Moment, als würden sich die Blüten sanft im Takt bewegen.
Eine Blume, eine Idee
Was 1923 als Frühlingsfest begann, ist heute eine internationale Ausstellung. Geblieben ist jedoch die ursprüngliche Idee: den Frühling mit einer einzigen Blume zu feiern. Vielleicht liegt genau darin der Zauber dieser Veranstaltung. Die Camelie Locarno ist nicht laut, nicht spektakulär im üblichen Sinn – sondern elegant, ruhig und ganz der Schönheit der Königin des Winters gewidmet. Und so verlassen die Besuchenden den Park mit dem Gefühl, dass der Frühling in Locarno nicht einfach beginnt, sondern jedes Jahr neu erzählt wird. In Weiss, Rosa und Rot.
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