Im Hotel Not Hotel schläft man in einer Kuckucksuhr, einem senkrecht gestellten Swimmingpool oder einem verspiegelten Raum. Was zunächst verdächtig nach einem Themenhotel klingt, wirft eine interessantere Frage auf: Was passiert, wenn ein Hotel seine Zimmer nicht aus einer Hand gestalten lässt?
Wir haben Hotels von Amsterdam über Madrid und Rom bis in den Norden Schwedens kuratiert, in denen Künstler, Architekten und Designer ihre jeweils eigene Vorstellung davon entwickelt haben, wie ein Hotelzimmer aussehen – und sich anfühlen – kann.
Hotel Not Hotel, Rotterdam
Hier wird die Grenze zum Bühnenbild bewusst ausgereizt. Hans van Bentem baut mit seinem zweigeschossigen Candy House eine überbordende Version von Hänsel und Gretel aus Keramik und skulptiertem Holz. Arno Coenen verwandelt die Cuckoo Clock mit Marshall-Verstärkern, Gitarren, Totenköpfen und Wikingerschwertern in eine Heavy-Metal-Kuckucksuhr. Jelle Mastenbroek kippt für seinen Vertical Swimming Pool ein Schwimmbecken scheinbar um 90 Grad, während der verspiegelte Invisible Room der HNH Concept Factory optisch mit seiner Umgebung verschmilzt. Nicht alles daran ist subtil – genau deshalb funktioniert das Haus auf schräge Art und Weise.
Volkshotel, Amsterdam
Beim Volkshotel begann die Vielfalt nicht mit einer Stilvorgabe, sondern mit einem Wettbewerb: Für neun Sonderzimmer wurden ursprünglich rund 40 Konzepte von Architekten, Designern und anderen Kreativen eingereicht. Die ausgewählten Entwürfe griffen dabei tiefer als blosse Dekoration – Grundriss, Bad, Fenster und Möblierung gehörten zum Experiment. Heute erzählen die erhaltenen Special Rooms sehr unterschiedliche Geschichten: François Duquesnoy baut Lost & Found aus Fundstücken von Amsterdams Strassen, Maja Markovic macht aus dem Cinema Boudoir Schlafzimmer, Bad und Privatkino zugleich. Bei Rosa Lisa Winkel hängt das Bett in Soixante Neuf von der Decke, Thijs van Oostveen zerlegt für den White Bike Room das niederländische Velo in ein räumliches Motiv und Arno Hoogland übersetzt in The Businessman’s Trip ein sich wandelndes Amsterdam in Farbe, Muster und Perspektive.
Piet Hein Eek Hotel, Eindhoven
Streng genommen ist The Night Watch gar kein Gästezimmer – und gerade deshalb gehört es hierher. Als Piet Hein Eek für die nächtliche Betreuung seines Hotels einen kleinen Raum nahe der Rezeption benötigte, übergab er die Aufgabe dem Designer Teun Zwets. Der baute Bett, Bad und Hülle aus weggeworfenen Platten und Farbresten aus Eeks eigener Werkstatt. Tagsüber ist der Raum als Kunstwerk Teil des Wonder Room, nachts wird er von jener Person genutzt, die im Hotel Wache hält. Funktion und Einzelstück fallen hier tatsächlich zusammen.
pietheineek.nl/en/blog/hotel-blog-11-the-night-watch
Hotel Puerta América, Madrid
Das 2005 eröffnete Hotel Puerta América machte die Aufteilung der Autorenschaft selbst zum Konzept: 19 Architektur- und Designstudios aus 13 Ländern arbeiteten am Haus. Die Grundstruktur der Geschosse bleibt vergleichbar, die räumlichen Antworten könnten unterschiedlicher kaum sein. Bei Zaha Hadid scheinen Bett, Tisch und Bad aus weissen, fliessenden Oberflächen herauszuwachsen. Norman Foster verbindet Leder, Glas, Eiche und hinterleuchtetem Onyx zu einem zurückgezogenen Stadtraum. David Chipperfield reduziert auf Geometrie, Terrakotta, Marmor und Schwarz. Marc Newson arbeitet mit Eiche, Leder und Carrara-Marmor, während Jean Nouvel seine Suiten mit verschiebbaren Paneelen und grossformatiger Fotografie von Nobuyoshi Araki beziehungsweise Alain Fleischer organisiert. Der Aufzug wird hier beinahe zum Wechsel zwischen fünf verschiedenen Architekturauffassungen.
Casa Monti, Rom
Im von Laura Gonzalez gestalteten Casa Monti wird die Idee nicht über das gesamte Hotel verteilt, sondern temporär in eine einzelne Suite eingeschrieben. Der amerikanische Künstler Michael McGregor hat Suite 203 für sechs Monate übernommen und aus seinen während einer Rom-Residency entstandenen Skizzen einen bewohnbaren Raum entwickelt. Malerei trifft auf eigens entworfene Keramik, Textilien und Gebrauchsobjekte; selbst ein Backgammon-Spiel gehört zur Intervention. Vom 15. April bis zum 15. Oktober 2026 lässt es sich in diesem temporären Künstlerraum tatsächlich übernachten.
casamontiroma.com/rooms/art-suite
La Fantaisie, Paris
Auch La Fantaisie nutzt das Hotelzimmer inzwischen als wechselnde künstlerische Plattform. Für neun Monate übernimmt der ungarische Künstler Szabolcs Bozó die Suite 607 des von Martin Brudnizki gestalteten Hauses. Bozó bemalt und behängt die Wände mit vor Ort entstandenen Arbeiten, ergänzt handgefertigte Kissen und Tagesdecken, Soft Sculptures und handbemalte Lampenschirme. Seine cartoonhaften Figuren verlassen damit die klassische Ausstellungssituation und werden Teil eines benutzbaren Interieurs. Die Suite ist noch bis zum 22. Februar 2027 Teil des Hotels.
lafantaisie.com/rooms/art-suite
ICEHOTEL, Jukkasjärvi
Beim ICEHOTEL wird wechselnde Autorenschaft zum jährlichen Prinzip. Sobald der Torne River gefriert, kommen Künstler, Architekten, Grafik- und Produktdesigner nach Jukkasjärvi, um die nächste Generation der Art Suites aus Eis, Schnee und Licht zu bauen. Rund 200 Bewerbungen gehen nach Angaben des Hauses jährlich ein, etwa 15 bis 20 Konzepte werden ausgewählt. Die Urheber bauen ihre Räume anschliessend selbst vor Ort. Das Entscheidende daran: Niemand muss für die Ewigkeit entwerfen. Im Frühjahr schmilzt der saisonale Teil des Hotels zurück in den Fluss – und im nächsten Winter beginnt das Experiment von vorne. Seit 2016 ergänzt ICEHOTEL 365 das vergängliche Haus um ganzjährig erhaltene Art Suites. Möglicherweise ist das die konsequenteste Form des Hotels als kreatives Kollektiv: Nicht nur die Zimmer wechseln ihre Autoren, sondern das Hotel erfindet sich regelmässig neu.