Seit 1750 wächst in Steg-Hohtenn ein Weinstock, der Kriege, Krisen und Klimawandel überdauert hat. Die älteste Rebe der Schweiz ist heute nicht nur ein botanisches Kuriosum, sondern auch ein kulturelles Symbol.
Im Oberdorf von Steg-Hohtenn, am Fuss des Lötschbergs, steht sie unscheinbar am Borrihaus: eine Rebe, deren Stamm so breit und rissig ist, dass er fast wie ein kleines Kunstwerk wirkt. Analysen durch Prof. Dr. Fritz Schweingruber, renommiert im Bereich Dendrochronologie, also der Jahresringforschung bei Bäumen und holzigen Pflanzen, datieren ihren Ursprung auf etwa 1750. Damit gilt sie als die älteste Rebe der Schweiz – und vermutlich des gesamten Alpenraums.
Vom Relikt zum lebendigen Archiv
Knapp 270 Jahre hat sie überdauert. Sie hat Hitzeperioden, karge Winter und den Wandel des Walliser Weinbaus miterlebt. Heute trägt sie zwar nur noch wenige Trauben, doch ihre Symbolkraft ist enorm. Um ihr Fortbestehen zu sichern, gründete die Burgerschaft Steg-Hohtenn am 26. November 2019 die Stiftung «Älteste Rebe der Schweiz» mit Dr. phil. Hans-Christian Leiggener an der Spitze. «Diese Rebe ist kein Relikt, sondern ein lebendes Archiv», so Leiggener dazu, der auch als Bergführer IVBV arbeitet und der Geschäftsleiter der Stiftung UNESCO-Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch ist. Seiner Überzeugung nach ist die alte Rebe weniger Denkmal als Zukunftsprojekt – ein Stück Identität, das weitergegeben werden soll.
«Wiissus Humannji» – Geschichte in neuen Formen
Etwa indem von der Rebe Setzlinge gezogen werden, die an einem Südhang in Hohtenn wurzeln. Vinifiziert werden sie im Weingut Domaines Chevaliers in Salgesch und als «Wiissus Humannji» abgefüllt. Der Name bedeutet im Walliserdeutsch «weisses Wochenbett» und verweist auf eine alte Tradition: Im Wallis erhielten Frauen nach der Geburt einen weissen Wein, der als leichter, bekömmlicher und stärkend galt. Der heutige «Wiissus Humannji» knüpft bewusst an dieses kulturelle Erbe an – nicht als historisch exakter Nachfahre, sondern als Symbol dafür, wie sich Geschichte in neuen Formen weiterträgt.
Eine Zunft als Zeitzeugin
Damit diese Geschichte auch über die Walliser Grenzen hinaus nicht in Vergessenheit gerät, wurde im August 2021 die «Zunft der ältesten Rebe der Schweiz» ins Leben gerufen, die sich neben der Pflege und Nachpflanzung der Rebe auch um Wissensvermittlung kümmert. Genauer: Die Zunft versteht sich nicht als nostalgischer Verein, sondern als lebendige Gemeinschaft, die den Weinstock mit Anlässen, Öffentlichkeitsarbeit und Engagement in die Zukunft begleitet. Wer die Rebe also heute besucht, sieht nicht nur ein knorriges Holzgerüst, sondern begegnet einer Zeitzeugin. Vor dem Borrihaus von Steg-Hohtenn erzählt sie von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und davon, wie Kultur weiterlebt, wenn man ihr die Chance gibt, neu zu wachsen.
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