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08 Kaari Upson MASI Lugano
Art & Culture

Das Unheimliche nebenan

Art & Culture · August 2026

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Redaktion

August 2026

Kaari Upson und die dunkle Seite des Vertrauten

Häuser, Möbel, Körper: Kaari Upson verwandelte die Spuren menschlicher Existenz in ebenso faszinierende wie verstörende Kunst. Mit Dollhouse zeigt das MASI Lugano nun die erste grosse posthume Retrospektive der US-amerikanischen Künstlerin. 

Alles beginnt mit einem verlassenen Haus. Anfang der 2000er-Jahre entdeckt Kaari Upson (1970 – 2021) unweit ihres Elternhauses im kalifornischen San Bernardino das leer stehende Anwesen eines Mannes, den sie seit ihrer Kindheit kennt. Sie nennt ihn Larry. Upson betritt das Haus heimlich und beginnt, die zurückgelassenen Spuren seines Lebens zu untersuchen: persönliche Gegenstände, Fotografien, Dokumente. Doch statt herauszufinden, wer dieser Mann tatsächlich war, beginnt sie, ihn neu zu erfinden.

Aus Fundstücken, Fantasien und Projektionen entsteht über Jahre hinweg eine Figur irgendwo zwischen Realität und Fiktion. Larry wird zum Alter Ego und zur Projektionsfläche einer fieberhaften Auseinandersetzung, die zwischen Obsession, Rollenspiel und Grenzüberschreitung oszilliert. The Larry Project, an dem sie von 2005 bis 2012 arbeitet, entwickelt sich zu einem der zentralen Werkkomplexe ihres Schaffens. Zeichnungen, Videos, Skulpturen und Installationen kreisen dabei um eine Frage, die weit über die Geschichte eines unbekannten Mannes hinausführt: Was verraten die Dinge, die wir zurücklassen, über uns?

© Kaari Upson/MASI Lugano

Die Haut der Dinge

Diese Frage begleitet Upson durch ihre gesamte Karriere. Geboren in einem Stadtteil von Los Angeles mit einer der höchsten Kriminalitätsraten der USA, entwickelt die Künstlerin eine unverwechselbare Bildsprache, in der das Vertraute immer wieder ins Unheimliche kippt. Matratzen, Sofas, Türen oder Körperteile werden abgeformt, vervielfältigt und deformiert. Innen wird nach aussen gekehrt, Oberflächen bewahren Abdrücke und Gebrauchsspuren. Auch weggeworfene Möbel, die sie auf den Strassen von Los Angeles findet, fliessen in ihre Arbeit ein. Aus ihren Abdrücken entstehen Skulpturen, die persönliche Geschichten mit gesellschaftlichen Fragen verbinden. Das scheinbar Banale erhält eine psychologische Dimension – und gelegentlich etwas geradezu Körperliches. Kaari Upson selbst sprach von ihrer Faszination für die Haut der Dinge.

© Kaari Upson/MASI Lugano
© Kaari Upson/MASI Lugano
© Kaari Upson/MASI Lugano
© Kaari Upson/MASI Lugano

Wenn das Puppenhaus wächst

Kaum ein Motiv zieht sich so konsequent durch Upsons Werk wie das Haus. Es verspricht Schutz und Geborgenheit, kann aber ebenso ein Ort von Geheimnissen, familiären Rollenbildern und verdrängten Erinnerungen sein. Besonders eindrücklich verdichtet sich diese Ambivalenz in der monumentalen Installation THERE IS NO SUCH THING AS OUTSIDE. Ausgangspunkt ist diesmal kein fremdes Anwesen, sondern das Puppenhaus ihrer Mutter. Über Generationen weitergegeben, wird es von der Künstlerin in stark vergrössertem Massstab zu einem begehbaren Raum. Was im Kleinen vertraut und beinahe harmlos erscheint, bekommt plötzlich etwas Beklemmendes. Die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung, Kindheit und Erwachsenenwelt, beginnen sich aufzulösen. Damit schliesst sich auf eigentümliche Weise ein Kreis. Zu Beginn dringt die Amerikanerin in das Haus eines Fremden ein und versucht, aus dessen Hinterlassenschaften ein Leben zu imaginieren. Jahre später vergrössert sie ein Haus aus der eigenen Familiengeschichte so weit, dass sie selbst Platz darin findet.

© Kaari Upson/MASI Lugano

Spuren einer Existenz

Mit «Kaari Upson. Dollhouse – Eine Retrospektive» zeichnet das MASI Lugano die Entwicklung dieses aussergewöhnlichen Werks nach. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Louisiana Museum of Modern Art sowie der Kunsthalle Mannheim und gliedert sich in fünf Kapitel. Zu sehen sind neben den Arbeiten rund um The Larry Project und THERE IS NO SUCH THING AS OUTSIDE, das 2019 im Rahmen der 58. Biennale von Venedig gezeigt wurde, auch das raumgreifende Werk Mother’s Legs sowie die letzte Werkserie der Künstlerin, die Foot Face Paintings.

Kaari Upson zählt zu den eindringlichsten und eigenständigsten künstlerischen Stimmen ihrer Generation. Sie erzählt keine abgeschlossenen Geschichten, sondern hinterlässt Fragmente und Spuren, aus denen sich die Betrachtenden ihre eigene Wirklichkeit zusammensetzen müssen. Bei ihr sind Häuser niemals nur Häuser und Gegenstände niemals einfach nur Dinge. Sie besitzen ein Gedächtnis – und manchmal erzählen sie mehr über uns, als uns lieb sein kann. 

6. September 2026 bis 10. Januar 2027 

Kaari Upson. Dollhouse – Eine Retrospektive

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