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Grunwald 03

Berührendes Wissen

Juni 2021

Haptikforscher Martin Grunwald über die Kraft der Berührung.

Haptikforscher Martin Grunwald über die Kraft der Berührung.

Zwischen Bohrmaschinen, Drähten und allerhand anderer Gerätschaften ragt in der Ecke ein kleiner Schreibtisch hervor. Kaum zu glauben, dass hier international renommierte Pionierarbeit in Sachen Haptikforschung geleistet wird. Und zwar von Prof. Dr. Dipl.-Psych. Martin Grunwald, der an der Universität Leipzig sein Haptic Research Laboratory eingerichtet hat. Mit seinem engagierten Team erforscht der deutsche Wahrnehmungspsychologe den Tastsinn und seine essenzielle Bedeutung für unser Leben. Wieso wir uns unbewusst bis zu 400 bis 800 Mal täglich ins Gesicht fassen, eine Umarmung mehr tröstet als tausend Worte und analoge Erfahrungen durch digitale nicht ersetzbar sind, verrät er im Interview.

Prof. Dr. Grunwald, haben sich Ihre haptischen Erfahrungen in den letzten Monaten verändert? Greifen Sie weniger an seit der Corona-Krise? 

Ich persönlich habe als hauptberuflicher Haptiker mein Verhalten wenig geändert. Natürlich wasche ich mir öfter die Hände, und auch auf den Handschlag verzichte ich bewusst. Sonst aber hat sich mein haptischer Alltag kaum verändert.

Passend zum Thema Corona: Menschen greifen sich 400 bis 800 Mal täglich unbewusst ins Gesicht. Wieso? 

Wir sind eine der wenigen Gruppen weltweit, die dieses Phänomen erforscht. Die neurobiologischen Daten zu diesem Phänomen geben momentan noch Rätsel auf. Eine Vermutung gibt es jedoch bereits: Die Emotionalität ist im Lauf des Tages nicht stabil. Wir sehen, hören Dinge, die uns ablenken. Wenn die Reize von aussen zu viel Aufmerksamkeit fordern, hilft uns die unbewusste Selbstberührung, unsere Emotion wieder auf ein neutrales Niveau einzupendeln. Durch die Stimulation des Gesichts funktioniert das unbewusst. 

© Provided

In Ihrem Buch «Homo hapticus» schreiben Sie, dass der Tastsinn wichtiger ist als Hören, Riechen und Schmecken. Wie ist das zu verstehen?

Am besten versteht man diese Aussage, wenn man den Blick auf die Biologie richtet. Sie sorgt dafür, dass alle Organismen auf dem Planeten fühlen, also Tastreize verarbeiten können. Diese Fähigkeit ist essenziell für jegliches Leben. Es gibt niemanden, der ohne Tastsinn auf die Welt kommt. Während etwa die Analyse von Schallwellen oder von Lichtquellen nicht unbedingt fürs Überleben notwendig ist. 

Sie beschreiben auch, dass eine Umarmung mehr trösten kann als tausend Worte? Wie funktioniert das?

Erstens hat jeder Mensch in den letzten Wochen der Schwangerschaft im Mutterbauch erste Kontakterfahrungen gemacht, die als prinzipiell positiv erlebt werden. Es war eng, warm, die Hand am Bauch der Mutter wurde gespürt, man wurde geschaukelt. All das registriert der Fötus und fühlt sich versorgt, geschützt und geborgen. Auf der Welt dann kommt der schützende, geborgene Körperkontakt zu Bezugspersonen. Der Organismus verwertet all diese Berührungsreize mit positiven Emotionen und positiver Biochemie – sofern kein Trauma erlebt wurde. Diese Körpererfahrungen bleiben ein Leben lang gespeichert und werden bei einer Umarmung abgerufen. 

© Felix Adler

Gibt es ein Forschungsergebnis, das Sie persönlich besonders bewegt hat?

Eines meiner Herzensprojekte ist die Entwicklung eines engen Körperanzugs, der das Tastempfinden und somit auch die Körperwahrnehmung von Magersüchtigen stimuliert. Diese Catsuits haben wir bereits vor vielen Jahren entwickelt, als wir in Experimenten herausfanden, dass sich die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers auf eine Fehlfunktion jenes Teils des Gehirns zurückführen lässt, der für die Verarbeitung sensorischer Reize zuständig ist. Diese Anzüge werden bereits in renommierten Institutionen verwendet, weiter geforscht wurde jedoch nie – obwohl sich etwa ein Fünftel der Betroffenen zu Tode hungert. Das ist meiner Meinung nach ein Skandal. Wir brauchen weitere Forschungsdaten, um diesen körperorientierten Ansatz zu verbessern. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Einen Mäzen oder eine Mäzenin, damit noch viele spannende Forschungsthemen unseres Labors unbürokratisch realisiert werden können. Aktuell etwa die Frühchen-Forschung. Frühgeborene Babys haben oft Apnoephasen, die durch einen Berührungsreiz am Fuss verhindert werden können. Wir arbeiten gemeinsam mit der Klinik für Neonatologie ganz konkret an einer neuartigen Methode. Unser Ziel ist es, gerade diesen Babys einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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