Elsa Barberis prägte mit ihrem Atelier in Lugano über Jahrzehnte die Tessiner und Schweizer Haute Couture. Als Autodidaktin und Unternehmerin entwarf sie elegante Masskleidung für eine anspruchsvolle Kundschaft und verkörperte ein bemerkenswert selbstständiges Frauenbild ihrer Zeit.
Ein Schneideratelier in Lugano, via Nassa 3: Stoffrollen in kräftigen Farben, Schneiderinnen über Schnittmustern gebeugt – mittendrin Elsa Barberis (1902 – 1991), entschlossen und mit einem sicheren Blick für Formen. Über Jahrzehnte hinweg gehörte die Tessinerin zu den markantesten Persönlichkeiten der Schweizer Modeszene. Ihre Kreationen waren ebenso eigenständig wie sie selbst: extravagant, temperamentvoll und voller Lebensfreude.
Geboren wurde Elsa Barberis in Lugano als älteste Tochter des aus dem Piemont stammenden Fleischwarenhändlers Pietro Barberis und von Emma, geborene Vanini, Tochter einer angesehenen Luganeser Konditorenfamilie. Schon als Kind zeigte Elsa eine ausgeprägte gestalterische Begabung und träumte davon, Architektin zu werden. Dieser architektonische Blick auf Formen und Proportionen spiegelte sich später auch in ihrer Mode wider. Ihre ersten Kleider fertigte sie zunächst im privaten Rahmen für Freundinnen und Bekannte an. 1935 eröffnete die Autodidaktin ihr erstes Atelier, Casa di moda, im Zentrum von Lugano. Was als kleines Unternehmen begann, entwickelte sich dank ihres Geschicks schnell zu einer florierenden Firma, die in ihren produktivsten Jahren bis zu 30 Schneiderinnen und Auszubildende beschäftigte.
Der «Barberis-Stil»
Weg von Spitzenhandschuhen, grossen Hüten oder Sonnenschirmen. Elsa Barberis wollte die Frauen von den Zwängen und Konventionen der Mode der 1940er-Jahre befreien. Stattdessen entwarf sie Kleidung, die von morgens bis abends getragen werden konnte – ohne Kompromisse zwischen Stilbewusstsein und Alltagstauglichkeit. Typisch für den «Barberis-Stil» waren elegante, zugleich jedoch ungezwungene Kleidungsstücke. Dazu gehörten der Wickelrock ebenso wie Jacken im Kimono-Stil. In der Deutschschweiz sprach man von salopper Eleganz, einer Mischung aus Raffinesse und lässiger Selbstverständlichkeit. Die Entwürfe zeichneten sich durch scheinbar einfache, teils grob wirkende Stoffe aus, kombiniert mit klaren Formen und komfortablen Schnitten. Die Tessinerin arbeitete bevorzugt mit Naturfasern wie Baumwolle, Leinen, Jute oder Wolle. Auch ihre Farbpalette war charakteristisch: kräftige, lebendige Farben wie Maisgelb, Rosa oder warme Erdtöne tauchten immer wieder in ihren Kollektionen auf. Inspiration fand die Designerin im Alltag – in der Natur, auf den Strassen der Stadt, im Leben der Menschen um sie herum. Auch ihre zahlreichen Reisen lieferten ihr neue Eindrücke und Ideen, die sie in ihre Entwürfe einfliessen liess.
Nationale Bekanntheit
Der entscheidende Schritt über die Kantonsgrenzen hinaus gelang Elsa Barberis 1943 mit ihrer Teilnahme an der Schweizer Modewoche in Zürich. Die Veranstaltung erwies sich als wegweisendes Sprungbrett für ihre Karriere. Ein weiterer Höhepunkt für die Chanel von Lugano, wie sie oft genannt wurde, war ihr Auftritt an der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) im Jahre 1958 in Zürich. Für diesen Anlass entwarf Barberis eine Serie von Modellen, die dem Tessiner Handwerk gewidmet war. Gefertigt wurden die Stoffe und Kleider von lokalen Handwerkerinnen sowie Schülerinnen der Berufsfachschulen. Die Verbindung von regionalem Bezug, handwerklicher Tradition und moderner Formensprache brachte Barberis landesweite Aufmerksamkeit. Doch Elsa Barberis war nicht nur als Designerin eine auffällige Figur. Sie galt als eigenwillig und konsequent, zugleich aber als ausgesprochen gesellig. Ihr Leben war geprägt von einem aktiven sozialen Umfeld. Sie reiste viel, spielte Golf, fuhr Auto und veranstaltete legendäre Events in Zürich und im bündnerischen Vulpera.
Wandel der Modewelt
Mitte der 1960er-Jahre begann sich die Modebranche grundlegend zu verändern. In den Städten entstanden immer mehr Prêt-à-porter-Boutiquen, die die traditionellen Haute-Couture-Schneidereien verdrängten. In diesem neuen Umfeld entschloss sich Elsa Barberis, neue Wege zu gehen und wandte sich in den folgenden Jahren anderen gestalterischen Bereichen zu. In ihren letzten Lebensjahren entwickelte sie zudem eine persönliche Vorliebe für eine einzige Farbe: Violett. Sie trug sie konsequent – fast wie eine persönliche Signatur.
Heute ist der Name Elsa Barberis nur noch wenigen bekannt. Dabei gehörte die Modeschöpferin, die dem Tessin stets treu blieb, über Jahrzehnte zu den prägenden Figuren der Schweizer Haute Couture. Vielleicht liegt ihre Bedeutung gerade in dieser Haltung: Mode als Ausdruck von Freiheit, nicht als Zwang. Kleidung, die Frauen begleitet, statt sie einzuengen. Dass ihr Werk nicht in Vergessenheit gerät, ist auch Institutionen wie der Associazione Archivi Riuniti Donne Ticino (AARDT) zu verdanken. Dort werden Entwürfe, Schnittmuster und Korrespondenzen der Designerin bewahrt und für Forschung und Ausbildung zugänglich gemacht. Für Studierende und junge Talente bleibt Barberis damit eine Ikone, ein Beispiel für jene Verbindung aus handwerklicher Präzision, gestalterischer Kühnheit und visionärem Gespür, die ihre Mode einst auszeichnete.
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