Wenn die 3 Days of Design in Kopenhagen stattfinden, verwandelt sich die Stadt in ein Fest für alle Sinne – und eröffnet einen Ausblick in die Zukunft des Gestaltens.
Zwischen rot-weissen Fahnen, die im Frühsommerwind flattern, und buttrigen Kanelsnurrer in den Fenstern der schicken Bäckereien liegt etwas in der Luft: ein Hauch von Zimt, Kardamom – und die leise Ahnung, dass hier gerade etwas Grosses passiert. Drei Tage lang übernimmt das Design die Stadt – und wer weiss, worauf er achten muss, entdeckt es überall: auf Bannern an Fassaden, in geöffneten Showrooms, auf begrünten Innenhöfen mit einem Becher Kaffee in der Hand und Designgesprächen auf Augenhöhe.
Keep it real – ehrlich und neugierig bleiben
«Keep it real», lautete das diesjährige Motto – ein Appell an Authentizität, Sinnlichkeit und Substanz in einer Zeit, in der vieles gefiltert, glattgezogen und künstlich erscheint. Statt digitaler Illusionen rückte das Festival das Echte in den Vordergrund: ehrliche Materialien, greifbare Prozesse, persönliche Begegnungen. Design sollte nicht bloss gut aussehen, sondern sich gut anfühlen – emotional, funktional, ökologisch. Die 3 Days of Design 2025 haben wieder einmal gezeigt, wie Gestaltung Verantwortung übernehmen kann, ohne dabei den Zauber zu verlieren. Dass Design dabei auch Spass macht, zeigte sich auf jedem Quadratmeter: Vom offenen Innenhof mit Champagnerempfang bis zum spontanen Talk im Showroom – Realness in Reinform. Die visuelle Identität des Festivals – illustriert vom schwedischen Grafikdesigner Andreas Samuelsson – setzte dazu passend mit klaren Linien, abstrahierten Alltagsobjekten und verspielter Symbolik ein stilles Zeichen für das Wesentliche. Eine grafische Einladung zum Hinschauen – und zum Durchatmen.
Lichtdurchflutet – Pas Normal x VELUX
Zum Auftakt zog es mich zu Pas Normal Studios – in zwei ehemalige backsteinrote Lagerhäuser, die heute als Headquarter, Concept Store und Café für eine der lässigsten Fahrradmarken Skandinaviens dienen. Hier diskutierten unter dem Titel«Daylight Design and its Impact on Humans and Spaces» die Neurowissenschaftlerin Selma Tir, der Designer Thomas Lykke und Nachhaltigkeitsexpertin Lone Feifer darüber, wie natürliches Licht Räume (und Menschen) verändern kann. Und es war fast zu schön, um nur Theorie zu bleiben: Während die Speaker vom zirkadianen Rhythmus, gesunder Raumluft und neuen Fenstersystemen sprachen, fiel das weiche Tageslicht begleitet von einer luftigen Brise durch die grosszügig dimensionierte Dachverglasung – wie ein Beweis dafür, was Design leisten kann, wenn Wissenschaft, Architektur und Alltag zusammenfinden.
Skandinavischer Mittsommer
Als Besucherin aus südlicheren Gefilden war ich überrascht, wie hell es im Norden zur Jahresmitte bleibt – bis weit in den Abend hinein. Kein Wunder, dass Licht hier eine andere Rolle spielt: Es wird nicht nur gelenkt oder gedimmt, sondern gefeiert. Dass Fenster mehr sind als bauliche Notwendigkeiten, sondern emotionale Schnittstellen zwischen Innen und Aussen, wurde bei VELUX spürbar: Tageslicht beeinflusst unsere Stimmung, unsere Leistungsfähigkeit, unsere Gesundheit. Wie Thomas Lykke vom OEO Studio sagte:«Licht und Schatten sind wie Geschmack – ohne Kontraste wirkt alles fad.»
Nachhaltigkeit ohne Pathos – BIG x Domus x Nerosicilia
Ein weiteres Thema, das subtil, aber präsent war: Nachhaltigkeit. Keine grünen Plakate, keine moralisierenden Slogans – dafür echte Projekte, die neue Perspektiven auf Material, Kreislauf und Verantwortung eröffnen. Besonders eindrucksvoll: die von BIG – Bjarke Ingels Group für Nerosicilia entworfene Kollektion von Lavasteintischen. Die Tische entstehen aus recyceltem Vulkangestein des Ätna – ein Nebenprodukt aus der industriellen Verarbeitung, das durch ein patentiertes Verfahren mit Feuer, Wasser und Oxidation veredelt wird. Archaisch, fast magmatisch in ihrer Anmutung, erzählen die Stücke von der rohen Kraft der Natur – gezähmt, gestaltet und transformiert durch präzises Design. Statt Greenwashing: ein ernst gemeintes Statement für zirkuläres Bauen, radikale Materialehrlichkeit und handwerkliche Präzision. In Kooperation mit DOMUS wurde zudem diskutiert, wie wir nicht nur Gebäude, sondern ganze urbane Systeme resilienter, anpassungsfähiger und poetischer gestalten können – mit Mut zur Reduktion, mit Lust an der Transformation.
Handarbeit & Haltung – Tameko und Massimo
Wer auf der Suche nach dem Echten war, fand es unter anderem bei Tameko und Massimo – zwei Labels, die nicht nur Produkte fertigen, sondern Haltungen weben. Tameko, ein junges dänisches Studio, das sich stark von japanischer Designphilosophie inspirieren lässt, steht für Teppiche, die Ruhe ausstrahlen, Reduktion feiern und durch ihre Materialehrlichkeit berühren. Handgewebt aus Naturfasern wie Jute, Hanf oder Wolle entstehen in enger Zusammenarbeit mit Kunsthandwerker:innen in Indien Teppiche, die mehr sind als textile Objekte – sie sind textile Manifeste für Achtsamkeit, Zeit und Wert.«Wir glauben an das Einfache, das Sinnliche, das Zeitlose», heisst es im Tameko-Journal – und genau das spürt man.
Ähnlich auch bei Massimo: Seit über zwei Jahrzehnten entstehen hier Teppiche in sorgfältiger Handarbeit, die haptische Tiefe mit grafischer Klarheit verbinden. Naturbelassene Materialien, faire Produktionsbedingungen und eine leise, skandinavisch geerdete Eleganz prägen die Kollektionen – kein schrilles Statement, sondern stille Präsenz.
Ein fast meditatives Gegenbild zur Überhitzung des Digitalen war der Webstuhl im Bolia-Showroom, an dem ein indischer Kunsthandwerker live arbeitete. Kein Gimmick, sondern ein ehrliches Zeugnis: Hier wird nicht simuliert, sondern gewebt. Eine Erinnerung daran, dass gutes Design oft bei der Berührung beginnt – mit Material, mit Geschichte, mit den Menschen dahinter.
Meine Highlights: Brokis, Karimoku, Audo & New Works
- Brokis überzeugte bei Framing im Odd Fellow Palast mit poetischen Lichtobjekten wie COMET, inspiriert vom Schweif eines Kometen, oder UNDER PRESSURE, einer leuchtenden Studie über das Spiel mit Glasrissen.
- Karimoku Case, die japanische Möbelmarke, präsentierte gemeinsam mit Linie Design in einem von Norm Architects kuratierten Setting ihre«Echoes of Texture» – Holz, Textil, Licht und Ruhe in vollendeter Harmonie.
- Audo Copenhagen und New Works glänzten mit intuitiven, skulpturalen Interieurs, die haptisch wie visuell berühren – Möbel wie Umarmungen, Leuchten wie Lichtgedichte.
Und was bleibt?
Kopenhagen hat in diesen drei Tagen gezeigt, dass Design mehr sein kann als Objektkultur. Es ist Haltung, Prozess und soziale Praxis. Es zeigt sich im Detail wie im grossen Wurf – zwischen Fahrradsattel und New Nordic Cuisine, zwischen Altbauwohnung und Glasfassade, zwischen Licht und Schatten. Und während der Duft von Zimt und Kardamom langsam aus den Gassen weht, bleibt das gute Gefühl: Design ist nichts Abgehobenes. Es ist überall. Wenn man nur genau hinschaut.
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