Michel Poulain ist der Entdecker der Blue Zones, jener Gebiete, in denen überdurchschnittlich viele Menschen langlebig sind. Ein Gespräch über neue Lebenseinsichten.
In den vergangenen Jahrzehnten ist die Lebenserwartung der Menschen kontinuierlich gestiegen. Allein in Europa steigt die durchschnittliche Lebenserwartung sowohl bei Männern als auch bei Frauen alle vier Jahre um ein weiteres Jahr an. Doch was sind die wesentlichen Faktoren, die zu einem überdurchschnittlich langen und gesunden Leben beitragen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Dr. Michel Poulain seit mehr als 25 Jahren. Nachdem sich der studierte Demograf zunächst mit den Überhundertjährigen in seinem Heimatland Belgien auseinandergesetzt hatte, reiste er auf den Hinweis eines italienischen Arztes nach Sardinien und entdeckte zusammen mit seinem Kollegen Giovanni Mario Pes die erste Blue Zone, ein Gebiet, in dem überdurchschnittlich viele Menschen 100 Jahre und älter werden. Als die beiden Forscher 2004 einen wissenschaftlichen Bericht dazu veröffentlichten, wurde der amerikanische Autor Dan Buettner auf die beiden aufmerksam. Ein Jahr später veröffentlichte er einen umfangreichen Artikel zu den Blue Zones im Magazin «National Geographic» und löste damit grosses Interesse an diesem Thema aus. Die drei gingen eine Zusammenarbeit ein, die es ihnen ermöglichte, weitere Blue Zones zu entdecken, unter anderem in Costa Rica und auf Ikaria in Griechenland. Was genau Poulain bei seinen Forschungen herausgefunden hat und wie sich die Erkenntnisse der Blue Zones auf das eigene Leben übertragen lassen, erzählt er im Gespräch.
Ist eine hohe Lebenserwartung vornehmlich genetisch bedingt?
Die Genetik spielt natürlich eine Rolle, doch neben der Genetik gibt es noch die Epigenetik, also die Art und Weise, wie Gene mit dem Lebensstil der Person interagieren und dadurch erst aktiviert werden. Dies zeigt, dass wir trotz gewisser vorgegebener Gene durch unseren Lebensstil aktiv etwas dazu beitragen können, ein langes, gesundes Leben zu führen. Dieser Lebensstil setzt sich nun aus unterschiedlichen Faktoren zusammen, die grob gesagt alle Blue Zones gemeinsam haben.
Was ist der gemeinsame rote Lebensfaden in den Blue Zones?
Eine ausgewogene Ernährung, die aus Obst, Gemüse, Milchprodukten und einer moderaten Menge an Fisch und Fleisch besteht, die zu 90 Prozent aus eigener Herstellung beziehungsweise Haltung kommen. Die Lebensmittel werden lokal produziert und die Herstellung ist sehr simpel, ohne Konservierungsmittel oder Pestizide. Die Familien auf Sardinien haben alle Gärten, in denen sie selbst Gemüse anbauen. Es geht weniger darum, dass eine spezielle Diät gehalten wird, sondern dass die Lebensmittel, die konsumiert werden, frei von schädlichen Stoffen sind. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Umstand ist, dass die Menschen nur so lange essen, bis ihr Magen zu 80 Prozent gefüllt ist. Die Mahlzeiten fallen nur dann üppig aus, wenn Gäste von ausserhalb anwesend sind. Bin ich auf Sardinien zu Gast, nehme ich meist in wenigen Tagen zwei Kilo zu (lacht). Essen ist auf Sardinien ein soziales Event. Man nimmt sich Zeit dazu, kommt zusammen und geniesst.
Abgesehen von einer ausgewogenen Ernährung, was spielt noch eine Rolle?
Weitere wichtige Aspekte neben der Ernährung sind Arbeit und Bewegung. Die meisten Überhundertjährigen auf Sardinien sind Bauern oder Hirten. Sie hören eigentlich nie wirklich auf zu arbeiten und bewegen sich ihr ganzes Leben auf natürliche Weise. Auch weil sie einfach keinen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit machen. Die Menschen haben bis ins hohe Alter eine natürliche Kraft und Agilität, die beeindruckend ist. Bin ich auf Sardinien mit Hirten in den Bergen unterwegs, komme ich ihnen kaum hinterher, obwohl sie doch um einiges älter sind als ich. Ein Freund von mir, der zu dem Zeitpunkt 52 Jahre alt war, hat auf Ikaria gegen einen 102-Jährigen im Armdrücken verloren. Ein weiterer Faktor ist das Umfeld, in dem die Menschen leben. Es gibt sauberes Wasser aus dem lokalen Brunnen, frische Luft, und das Wetter ist ideal. Es gibt quasi keinen zeitlichen Stress und die Bewohner sind stets von einer Gemeinschaft umgeben, die sich um den Einzelnen kümmert. Daraus entsteht noch ein weiterer wesentlicher Faktor: Geld spielt bei Langlebigen eine untergeordnete Rolle. Es wird untereinander getauscht, einer hilft dem anderen aus und pflegt dabei gleich soziale Kontakte. Seien es Familie, Freunde oder die Nachbarn – auch alte Menschen können sich immer auf Unterstützung verlassen. Das ist auch einer der wichtigsten Punkte, die ich zu promoten versuche: der Umstand, dass alte Leute in der Gemeinschaft integriert bleiben, was in unseren Breitengraden meist nicht mehr der Fall ist.
Nachhaltig ernähren, stressfrei arbeiten: In Sardinien entdeckten die Wissenschafter die Geheimnisse für ein langes Leben.
Sie begannen ursprünglich, Astrophysik zu studieren. Was hat Sie schliesslich zum Feld der Demografie gebracht?
Ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht rein technisch, sondern lieber mit Menschen arbeiten wollte, vor allem mit den Ältesten, von denen wir sehr viel lernen können. Nach meinem zweijährigen Studium der Astrophysik begann ich Schüler der Sekundarstufe in Mathematik und Physik zu unterrichten. Als wir die Liste der möglichen Studienfächer durchgingen, entdeckte ich einen Kurs in Demografie an der Universität von Louvain, der unabhängig vom Studium, das zuvor absolviert wurde, besucht werden konnte. So begann ich mit 28 ein neues Studium und eine zweite Karriere. Meinen Doktor habe ich schliesslich mit 33 gemacht. Der Schwerpunkt meiner Forschung lag damals auf dem Thema Migration. An diesem Thema arbeite ich neben der Erforschung von Langlebigkeit und der Blue Zones auch heute noch.
Wie kamen die Blue Zones zu ihrem Namen?
Nachdem unsere Nachforschungen erfolgreich waren, habe ich eine leere Karte von Sardinien hergenommen und mit einem blauen Stift jene Orte der Insel markiert, an denen der Grossteil der Überhundertjährigen lebt. So entstand im Jahr 2000 auf Sardinien die erste Blue Zone. Hätte ich damals zum Beispiel einen roten Stift verwendet, würden sie jetzt vielleicht Red Zones heissen.
Wie sahen Ihre Forschungen vor Ort genau aus?
Mein sardischer Kollege Giovanni Mario Pes und ich überprüften zunächst die Daten der Geburtsurkunden, die sich als korrekt herausstellten, und wählten für eine weiterführende Detailanalyse die Gemeinde Villagrande Strisaili, eine Ortschaft mit rund 3‘200 Einwohnern, die in den vergangenen Dekaden die Heimat von insgesamt 44 Überhundertjährigen, 22 Männern und 22 Frauen, war. Wir erstellten mithilfe der Daten der Gemeinde einen Stammbaum, der heute 14’000 Datensätze und damit alle Personen umfasst, die dort seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurden. So konnten wir mit einer fundierten und genauen Analyse der demografischen Evolution und der aussergewöhnlich hohen Langlebigkeit beginnen. Anschliessend begannen wir eine Befragung unter den Achtzig- bis Überhundertjährigen, um die Faktoren, die zu einem langen Leben beitragen, kennenzulernen.
Sind die Bewohner der Blue Zones eigentlich auch geistig fitter?
Es ist tatsächlich so, dass es in den Blue Zones wesentlich weniger Fälle von Demenz und Alzheimer gibt. Dies hängt auch in grossem Mass von den drei Faktoren Ernährung, Luftverschmutzung und Stress ab. In unseren Breitengraden sind rund 30 Prozent der über 90-jährigen dement, in den Blue Zones sind es unter zehn Prozent.
Würde sich unsere Lebenserwartung verlängern, wenn wir in eine der Blue Zones ziehen?
Es wird nicht zu einem langen Leben beitragen, wenn Sie jetzt alles hinschmeissen und Schafhirte auf Sardinien werden. Unser Körper ist an unsere physische Umwelt und unser soziales Umfeld angepasst, ihn da plötzlich herauszureissen würde nur Stress bedeuten. Es ist sinnvoller, das, was wir von den Blue Zones gelernt haben, auf unsere postmoderne Gesellschaft zu übertragen und in unser tägliches Leben zu integrieren.
«Unsere Hightech-Gesellschaft lernt von den Blue Zones, mehr Bewegung und natürliche Nahrung in ihr Leben zu integrieren.» – Michel Poulain
Gibt es dazu schon Projekte?
In den USA gibt es dazu bereits ein sehr schönes Projekt: Die «Blue Zone Communities» sind ausgewählte Städte, in denen mit den Bürgern zusammen ein Plan erstellt wurde, wie ihr Leben auf Basis der Erkenntnisse der Blue Zones verbessert werden kann. Es werden in Restaurants kleinere Portionen mit natürlicheren Inhaltsstoffen serviert, die Softdrinks und Chips wurden im Supermarkt in die hinteren Regale verbannt, und es wurden eigene Fussgänger- und Fahrradzonen eingerichtet. In den Niederlanden und in Belgien gibt es seit Kurzem eine Initiative mit dem Namen «Man Made Blue Zones», die es sich zum Ziel setzt, Gebiete aufzubauen, die Blue Zones ähnlich sind – sowohl innerhalb von Städten als auch auf dem Land. Es ist dabei jedoch wichtig, dass diese Gebiete niemanden ausschliessen. Es ist schön und gut, Blue Zones aufzubauen, doch wenn ausreichend Geld nötig ist, um ein Teil davon sein zu können, erfüllen sie nicht ihren eigentlichen Zweck.
Wie lässt sich das Konzept der Blue Zones in eine immer älter werdende Gesellschaft integrieren?
Das Konzept kann Antworten auf das Phänomen namens «Silver Tsunami» geben: Wir werden immer älter, das Pensionsalter bleibt jedoch beinahe gleich, die Folge ist eine grosse Anzahl an Menschen zwischen 65 und 80, die grossteils über eine gute körperliche und geistige Verfassung verfügen. Hier muss mehr darauf geachtet werden, in diesem Alter aktiv zu bleiben, sich weiterhin mit anderen Menschen auseinanderzusetzen und nicht in dem Gedanken zu verweilen, bereits genug für die Gesellschaft getan zu haben. Für die Zeit nach 80 ist es vor allem wichtig, Senioren wieder sowohl in die Gesellschaft als auch in das alltägliche Leben zu integrieren.
Vielen Dank für das Gespräch!
Forscher aus Leidenschaft
Dr. Michel Poulain studierte zunächst Astrophysik an der Universität von Liège, bis er schliesslich zum Fach Demografie an die Katholische Universität in Louvain wechselte und mit 33 Jahren seinen Abschluss machte. Seine Fachgebiete sind Langlebigkeit und Migration. Er ist emeritierter Professor an der Universität Louvain und arbeitet als Senior Researcher an der Universität von Tallinn.
Zudem war er von 1984 bis 1990 Präsident der Société Belge de Démographie und von 1988 bis 2000 Präsident der Association Internationale des Démographes de Langue Française. Weiter ist er Mitglied der International Database on Longevity und des International Centenarian Consortium.
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